Samstag, 16. Januar 2016

Gestalt, Empörung und frühere Leben

Gestalt

Wir werden oft gefragt: Wieso heißt diese Therapie Gestalttherapie? Dazu stellen wir erst einmal klar, dass sie nichts mit Gestaltung zu tun hat, sie ist keine Gestaltungstherapie. Hier wird nicht mit Tonerde oder Plastelin gearbeitet oder mit Papier und Farbe. Das kann in Einzelfällen mal vorkommen, aber daher stammt der Name nicht. Er leitet sich vielmehr aus einem Begriff ab, der vor über hundert Jahren in der Wahrnehmungsforschung eine große Rolle spielte.

Damals beschäftigte man sich mit der Frage: Wie entsteht das innere Bild dessen, was wir sehen. Die Mechanik des Auges war weitgehend bekannt. Es war klar, dass vom Auge ein Sehnerv ins Gehirn führt. Aber was genau geschieht dort? Wie stellen wir aus dem optischen Reiz ein Bild her, von dem wir ja überzeugt sind, dass es ein Abbild unserer Welt ist? Anfangs hat man vor allem in der physiologischen Struktur des Gehirns Antworten zu finden gehofft, hat auch einiges gefunden. In den 1920er Jahren wurde aber klar: Wahrnehmen ist ein hoch komplexer, physischer, aber ebenso ein psychischer Vorgang, bei dem die „Gestalt“ eine zentrale Rolle spielt. Ein Grund dafür, dass die neue Forschungsrichtung die Bezeeichnung Gestaltpsychologie erhielt. Erst einige Jahrzehnte später, 1950, gab es eine Therapierichtung, die sich Gestalttherapie nannte und die lässt sich, wie ich noch zeigen werde, zum Teil aus der Gestaltpsychologie erklären.

Die Forscher fanden heraus, dass sich dargebotene visuelle Reize eine winzige Minisekunde lang formlos präsentieren, noch ist keine Form zu erkennen. Dann aber springt, sozusagen mit Lichtgeschwindigkeit, das Geschaute in etwas Erkennbares um, und jetzt sagen wir, das Geschaute hat Gestalt angenommen. Was sich dem Auge bietet, ordnet sich in uns zu etwas Erkennbarem. Erst jetzt  "sehen" wir, was wir sehen. So heißt sehen immer erkennen. Der Akt des Sehens und der Akt des Deutens oder des Bedeutung Gebens sind nicht voneinander zu trennen.

Die Gestaltpsychologen nahmen zunächst an, es gäbe da draußen eine objektive Wirklichkeit, die in unseren Gehirnen eins zu eins abgebildet wird. Je nach Anordnung der Objekte in der Natur nähmen wir das Geschaute in Gruppen oder Reihen, in Ähnlichkeiten oder Gegensätzen wahr. Es wurde angenommen, die Struktur der äußeren Wirklichkeit finde eine Entsprechung im Gehirn. Die äußere Ordnung spiegle sich in der neuronalen Ordnung wieder. Als die Gestaltpsychologen anfingen sich mit Vexierbildern zu befassen, mussten sie ihre Lehrmeinung ändern. Jetzt wurde deutlich, dasselbe Bild wird einmal als Vase und einmal als die Darstellung von zwei Gesichtern gesehen.

                                                                       


Wo ist jetzt die Objektivität? Inneres und äußeres Bild fallen auseinander. Das eine ist die Realität der Objekte da draußen, das andere ist die Realität der inneren Bilder. Und da die „Wahrnehmung“ von einer Person zur andern variiert, wird klar: Unsere Psyche bestimmt, was wir sehen. Offenbar geschieht die Verfertigung der Realität in unserem Innern.

Eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung spielt, wie gesagt, die Gestalt. Wir bestimmen, ob wir zwei Gesichter oder eine Vase sehen. Wir können nur sehen, was wir erkannt haben und wir erkennen nur, was Gestalt angenommen hat. Gestalt aber, nimmt nur an, was Kontur und Struktur hat. Etwas Amorphes können wir nicht „sehen“. Das Merkmal all dessen, was wir sehen, ist also: Für uns hat es Gestalt angenommen. Solange nur Einzelteile oder Bruchstücke vor uns liegen, bildet sich in uns keine Gestalt. Sobald es sich aber für uns fügt, taucht die Gestalt auf. Wir haben die Tendenz, was sich dem Auge bietet zusammenzufügen. So wird das Wesentliche der Gestalt erkennbar: Ihre Ganzheit.

In Versuchen zeigten die Gestaltpsychologen, dass wir Bilder, die uns nur für Bruchteile von Sekunden dargeboten werden, in extrem kurzer Zeit ergänzen. Beispiel: Auf einer Projektionsleinwand wurden Bilder mit einem präparierten Diaprojektor für Minisekunden gezeigt. Die Versuchspersonen ergänzten ausnahmslos die dargebotenen Bilder so, dass sie ein sinnvolles Ganzes ergaben. Ein Kreis, der bei längerem Hinschauen nicht geschlossen war, wurde als Kreis erkannt, nicht als offener Ring. Ein oben zugebundener Sack wurde als Birne identifiziert. Drei unverbundene Stäbe, die in einer bestimmten Formation lagen, wurden als Dreieck gesehen, obgleich die Ecken fehlten.

Dieses Phänomen wird in der Gestaltpsychologie „Gesetz der Ganzheit“ genannt. Dieses Gesetz der Ganzheit stammt ursprünglich aus der Wahrnehmungspsychologie. Später zeigte sich, dass es für alle psychischen Prozesse gilt: Für Denken, Fühlen, Handeln. Wir möchten unsere Gedanken zu Ende denken, wir möchten, dass unsere Gefühle entstehen, sich entwickeln und wieder abklingen können, und wir sind bestrebt, unsere Handlungen auszuführen bis das Beabsichtigte erledigt ist. Wenn unsere Überlegungen gestoppt, unsere Gefühle gestört, unsere Begegnungen unterbrochen werden, erleben wir das als unangenehm, beunruhigend, oft als schmerzlich. Alles in uns drängt darauf, die Gestalt zu schließen. ( Dies ist eine unglückliche Formulierung, weil eine Gestalt geschlossen ist oder es ist keine Gestalt. Aber mir kommt es zu umständlich vor, jedes Mal von dem zu sprechen was noch keine Gestalt angenommen hat, bald aber als solche zu erkennen sein wird etc. Diese kleine Ungenauigkeit erlaube ich mir zugunsten der Lesbarkeit.)

Obwohl es den Menschen besser bekäme, sie würden sich um das Beenden angefangener Geschichten kümmern, handeln sie meist konträr: Sie sind an neuen Aktivitäten interessiert und durch diesen Aktionismus sammeln sich über die Jahre mehr und mehr unerledigter Geschäfte an. Dabei baut sich wachsender Druck auf. Wir nähren, ohne uns dessen bewusst zu sein, einen inneren Widerspruch: Unser Wollen treibt uns zu immer neuen Aktionen, während eine tiefere Schicht unserer Psyche die angefangenen Erlebnisse zu Ende bringen möchte. Wenn wir dem psychischen Drängen keinen Raum geben, dann verselbständigt es sich und umgeht unser bewusstes Streben. Es sucht und findet neue Kanäle. Einer dieser Kanäle ist der Traum. Jede Nacht helfen Träume die Psyche aufzuräumen. Gespräche werden weitergeführt, Beziehungen glücklich beendet, Worte gesprochen, die ungesagt geblieben waren. Ohne Träume wären wir alle längst verrückt.

Ein zweiter Kanal, über den sich das vernachlässigte Bestreben zum Schließen der Gestalten meldet, ist deutlich unangenehmer. Er findet sich im Alltag: Unser unbewusstes Handeln führt uns immer wieder in Situationen, die den unfertigen Erlebnissen aus unserer Vergangenheit zum Verwechseln ähnlich sind. So werden zum Beispiel Menschen, die ein Autoritätsproblem mit ihrem Vater hatten, immer wieder Männer suchen, gegen die sie sich auflehnen können. Jeder neue Chef, die Lehrer, der Polizist bei der Verkehrskontrolle, oft auch der Lebenspartner werden unbewusst ausgewählt, in der verborgenen Hoffnung, diesmal wird’s klappen. Diesmal wird mir ein guter Verlauf, ein versöhnlicher Abschluss gelingen. Im Fall des Autoritätskonflikts heißt der Wunsch oft: Dieses Mal werden wir uns auf Augenhöhe begegnen. Nach mehrmaliger Wiederholung kann dieses Vorgehen tatsächlich zum Erfolg führen, aber der Preis ist in der Regel hoch. Dein Chef weiß nicht, dass du nicht ihn, sondern deinen Vater meinst. Dein Lebenspartner fühlt sich immer wieder unangemessen behandelt und hat irgendwann keine Lust mehr auf die ewigen Missverständnisse. Der Polizist verhängt eine Ordnungsstrafe wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Es muss einen anderen Weg geben, die Altlasten aus unerledigten Geschäften aufzuräumen, ohne dass wir uns ewig im Hamsterrad der Wiederholung drehen müssen.

Fritz Perls hat ihn gefunden. Der Weg des Ganzwerdens heißt Gestalttherapie. Perls lernte die Gestaltpsychologie kennen, als er Ende der 20er Jahre bei dem Neurologen und Gestaltpsychologen Prof. Goldstein in Frankfurt assistierte. Zu dieser Zeit arbeitete Fritz Perls noch als Psychoanalytiker. Als er später, zusammen mit seiner Frau Lore, eine eigene Therapieform entwickelte, nannte er sie Gestalttherapie. Er benutzte - neben anderen gedanklichen Ansätzen - die gestaltpsychologische Betrachtungsweise um zu erklären, was in seinen Sitzungen passierte. In „Grundlagen der Gestalttherapie“ schreibt er auf S. 82: „Wenn die Therapie Erfolg hat, dann hat der Patient sich unausweichlich um die losen Enden seiner vergangenen ungelösten Probleme gekümmert, denn diese losen Enden müssen in der Gegenwart zu Schwierigkeiten führen, und daher müssen sie im Lauf der therapeutischen Sitzungen auftauchen….. diese losen Enden der Vergangenheit sind ebenso laufende Probleme, die die Teilnahme des Patienten an der Gegenwart hemmen.“ Mit anderen Worten: Kein Wunder, dass wir unsere Energie nicht für das Hier und Jetzt zur Verfügung haben, sie ist in tausend alten, unfertigen Geschichten gebunden.
Hier ein Beispiel aus der Praxis: Rainers Oma starb, als er acht Jahre alt war. Die Tote lag noch einen ganzen Tag in ihrem Zimmer, ehe sie vom Beerdigungsinstitut abgeholt wurde. Irgendwie hätte er sich gerne von der Oma verabschiedet, so wie all die andern Familienmitglieder, die den ganzen Tag über kamen, in dem Zimmer, in dem Kerzen brannten, verschwanden, dort eine Weile blieben und dann wieder gingen. Zu Rainer sagten sie: “Das ist nichts für Kinder, geh da nicht rein.“ In einer Therapiesitzung, Rainer war damals 35, wurde deutlich, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der ihm die Oma sehr wichtig gewesen war. Begonnen hatte unser Gespräch in der Gegenwart, wie immer in der Gestalttherapie: „Was ist jetzt?“ Und Rainer hatte davon gesprochen, dass er seine Freundin liebe, die Beziehung aber nicht richtig in Gang komme, als ob etwas zwischen ihnen stünde. „Leg dich hier vor Rainers Stuhl auf den Boden, du bist das was zwischen ihm und seiner Freundin liegt.“ Rainer lag eine ganze Weile schweigend am Boden, ein paar Mal schüttelte er den Kopf.
 „Du schüttelst den Kopf?“
 „Komisch einfach. Ich muss an meine Großmutter denken und das kann ja wohl nicht sein. Sie hatte mich sehr lieb, sie würde sich nie meinem Glück in den Weg stellen.“
 „Lebt die Großmutter noch?“
 „Nein, sie ist schon lange tot.“ Seine Augen wurden feucht, die Stimme zitterte.
 „Wie alt fühlst du dich, jetzt, in diesem Augenblick?“
 „Acht“, sagte er mit dünner Stimme.
 „O.K., komm zurück auf deinen Stuhl. Sei acht. Was ist los in deinem Leben?“
 „Wir leben mit der Oma im gleichen Haus. Es ist eine unheimliche Stimmung heute. Sie haben mir zu erklären versucht, Oma sei nicht aufgewacht heute Morgen und sie werde auch nicht mehr aufwachen, nie mehr. Nie mehr. Ich kann es mir nicht vorstellen und ich bin verwirrt und versteh nicht was sie sagen. Zugleich weiß ich, dass etwas Großes passiert ist. Ich habe das Gefühl, ich bin im Weg. Meine Mutter sieht schlimm aus, sie hat ganz verheulte Augen. Ich bin mit ihr nach oben gegangen in die kleine Wohnung meiner Oma. Jetzt sitze ich in der Küche und draußen kommen und gehen die Leute: Meine Onkel und Tanten, auch eine Großtante von mir, sie bringt einen Strauß Tulpen. Heute würde ich sagen, sie sind gekommen um von ihr Abschied zu nehmen.“
 „Und du?“
 „Ich darf nicht rein zur Oma, sie sagen, das ist nichts für Kinder.“
 „Was sagst du?“
 „Lasst mich da rein zur Oma. Ich bin nicht zu klein. Es ist meine Oma“.
 „ O.K., also kannst du da heute hineingehen?“
 „Ja. Ja, ich geh jetzt rein.“ Längere Pause, dann stand Rainer auf und ging hinüber zu meiner Behandlungsliege „Ich möchte mich von ihr verabschieden, so wie es die andern Familienmitglieder auch getan haben.“ Er schaute zu mir hin.
 „Du musst es ihr sagen, nicht mir.“
 „Aber wie kann ich mit ihr sprechen? Sie ist doch tot?“ Er schaute wieder zu mir hin.
 „Versuch`s einfach. Ich glaub`, sie kann dich hören. Sag ihr, was du ihr zu sagen hast.“

An dieser Stelle begann ein Dialog zwischen Rainer und seiner Großmutter, sehr tränenreich. Er sagte ihr, dass er nicht möchte, dass sie weggeht und dass er morgen auch zu ihr kommen möchte, damit sie ihm Geschichten vorliest. Als deutlich wurde, dass er gesagt hatte, was noch zu sagen war, lud ich ihn ein, in die Rolle der Großmutter zu gehen. Er legte sich auf die Liege, und in der Rolle der Großmutter ließ er sie dem kleinen Jungen sagen:

„ Ich habe dich sehr lieb und ich möchte nicht, dass du traurig bist. Ich bin alt und mein Leben ist zu Ende. Leider muss ich dich zurücklassen, aber solche Dinge entscheiden nicht wir Menschen. Ich werde jetzt dahin gehen, wo der Opa ist und eigentlich verlasse ich dich ja gar nicht. Auf eine andere Art werde ich mit dir in Kontakt bleiben.“ Lange Pausen, tiefe Gefühle. Ich bemerkte, dass etwas Besonderes im Raum war.
„Was fühlst du jetzt?“
„Liebe. Da ist ganz viel Liebe.“ Pause.
„Du wolltest dich von ihr verabschieden. Bist du bereit, es jetzt zu tun?“
Der Dialog ging noch einige Male hin und her, dann entspannte sich Rainers Körper sichtlich, sein Gesicht wurde weicher und er konnte sagen: „Tschüss Oma, mach´s gut. Ich hab dich lieb.“ Pause Nach einer Weile sagte ich leise: „Wie fühlst du dich jetzt?“
„Leichter. Als sei etwas zur Seite getreten… Und ich fühle mich lebendiger. Danke.“ Das sagte er mit fester Stimme.

Der Gestalttherapeut geht nicht in die Vergangenheit wie Freud das tat, die Vergangenheit kommt zu uns. Genauer noch: Die Vergangenheit hat uns nie verlassen. Als die Großmutter starb, blieb für Rainer die Zeit stehen. Die abgerissene Beziehung ist wie eine Wunde, die nicht heilen konnte, wie ein Schrei, der im Hals stecken blieb, wie eine Hin-Bewegung, die auf halbem Wege ausgebremst wurde, wie eine Welle, die von eisigen Winden getroffen wurde und in der Luft zur Eisskulptur erstarrte. Weil die Bewegung aufgehalten wurde, verhält es sich wie eine gespannte Feder. Sie sucht Erlösung, sie will die aufgestaute Energie loswerden. Sie schläft, wie Dornröschen, und wartet auf den erlösenden Prinzen. Sie ist also nicht untätig, sie rutscht nicht tief ins Unterbewusste, wie Freud sich das vorstellte. Vielmehr liegt sie auf der Lauer, sie möchte sich ja zeigen, sich in jede neue Lebenssituation hineindrängen. Zum Sprung bereit, liegt sie direkt unter der Haut.

Die therapeutische Herangehensweise eines Psychoanalytikers ist der eines Archäologen vergleichbar. Schicht um Schicht werden die seelischen Ablagerungen abgehoben und inspiziert und nach vielen, vielen Sitzungen wird der Klient auf Erlebnisse aus der frühen Kindheit stoßen. Dort sind nach Ansicht von Sigmund Freud die Antworten auf die Probleme zu finden, mit denen der Klient heute zu kämpfen hat. Da weder der Analytiker noch der Analysand wissen, wonach sie suchen, bleibt ihnen nur, systematisch, schrittweise vorzugehen. Fritz Perls hat dagegen die Beobachtung gemacht, dass wir gar nicht tief graben müssen, sondern, dass drängende Belange immer dicht unter der Oberfläche liegen. In unserem Beispiel stellt das Unbehagen an der Beziehung zur Freundin die Oberfläche dar und direkt darunter liegt die abgerissene Beziehung zur Großmutter. Das unfertige Geschäft, hier die nicht beendete Beziehung, kommt von selbst an die Oberfläche, weil es erledigt werden will.

 Empörung 

Wie kann der Klient erkennen was da zur Erledigung bereit liegt? Die Antwort ist so einfach, dass sie genial sein muss. Fritz Perls fragte nur: Was nimmst du jetzt wahr? Und was immer der Klient dann wahrnahm, wurde von Fritz Perls ernst genommen. Ein Kribbeln unter der Haut, ein seeliges Lächeln, das sich plötzlich auf dem Gesicht ausbreitet, eine zugeschnürte Kehle oder ein inneres Bild: Ich sehe mich im Haus meiner Großmutter. Über die simple Einladung, nach innen zu gehen, zu spüren, was da ist, gelangt der Klient zu den drängenden Inhalten. Oft sind das unerledigte Geschäfte – es gibt natürlich eine ganze Reihe anderer Botschaften aus dem Inneren. Die Zeichen müssen also wahrgenommen werden. Sie führen zu Inhalten, und dann müssen die Inhalte lebendig werden. Sie müssen erlebt werden. Wenn sie nicht erlebbar sind, erfahrbar im Hier und Jetzt, dann handelt es sich nur um eine Idee, eine Phantasie, ohne existentielle Bedeutung. Ist die halbfertige Geschichte erst ins Blickfeld gekommen, zeigt sich im weiteren Verlauf was es noch braucht, um den Kreis zu schließen und damit die blockierte Energie freizubekommen.

Ob das Abschließen gelingt, hängt von vielen Faktoren ab. Das Wichtigste ist die „Ladung“. Wenn wir vor dem Klienten sitzen und erleben, wie er auf einen wichtigen ungelösten Inhalt stößt, fühlen wir ziemlich schnell den Grad der Ladung. Fritz Perls sprach von „Erregung“. Wo sich die Erregung zeigt, lohnt es sich therapeutisch zu arbeiten. Ohne Erregung wird nicht viel passieren. (In der clientcentered therapy bei Carl Rogers ist das anders.)

Eine Form einer tiefsitzenden Erregung ist die Empörung. Wo sie auftritt, führt sie uns immer zu einer Sache, die nach Abschluss schreit. „Das gibt’s doch nicht! Das darf nicht wahr sein! Ich will aber, dass es anders ist!“

Empörung ist einer der prominentesten Energiefresser und wir halten oft Jahrzehnte an ihr fest. Alleine gelingt es uns nicht sie loszulassen. Es kann nicht gelingen, weil wir fest davon überzeugt sind, dass wir alles Recht der Welt haben, empört zu sein. Mag schon sein, dass es sich um eine himmelschreiende Ungerechtigkeit handelt – nur, sie ist nun mal geschehen, und sie ist längst vorbei. Wir aber halten immer noch an der Empörung fest und blockieren damit unser Wachstum.

Früher sagte man: „Er hadert mit“. Wir hadern mit einer verflossenen Liebe, die uns auf der Straße nicht einmal mehr grüßen will, wir hadern mit dem Fernsehprogramm, mit den Milchpreisen, mit dem Rauchverbot, mit dem Schicksal, mit Gott und der Welt – und währenddessen geht das Leben an uns vorbei. Empören, Schmollen, Hadern, den Groll nicht loslassen - dahinter steckt immer der Gedanke, dass das Leben anders sein soll, als es ist. Einen Großteil unserer Energie vergeuden wir damit, zu hadern und zu trotzen. Wir halten fest an der Idee, dass wir nicht geliebt wurden. Wir verhärten uns immer mehr und wonach wir uns am meisten sehnen, die Liebe, rückt immer weiter von uns ab. Die Empörung verschließt das Herz. Wir hadern, innerlich und natürlich auch äußerlich. Wir greifen jede Situation dankbar auf und glauben, diesmal wird es uns gelingen für Gerechtigkeit zu sorgen. Dann ziehen wir den blauen Umhang an, ein orangenes „S“ prangt auf unserer Brust und dann machen wir unserer Empörung ein für alle Mal Luft, erretten die Welt von allem Übel und wenn wir Pech haben zerschlagen wir ziemlich viel Porzellan.

Empörung. Hier ein Beispiel aus der gestalttherapeutischen Praxis: Isabel hatte um einen Sitzungstermin gebeten, weil sie einen „nervösen Darm“ hatte. In den vergangenen vier Monaten war sie zweimal in die Notaufnahme gebracht worden. Einmal war sie mitten in der Nacht an so heftigen Bauchschmerzen erwacht, dass sie sicher war, etwas Lebensbedrohliches spielt sich in ihrem Bauch ab. Das zweite Mal, etwa zwei Wochen vor unserem Termin, waren diese stechenden Schmerzen am helllichten Tag während der Arbeit aufgetreten. Die Kolleginnen hatten den Notarzt gerufen. Jedes Mal wurde sie 24 Stunden später wieder entlassen. Bei beiden Krankenhausaufenthalten waren alle physiologischen Untersuchungen ohne Befund geblieben. Der Internist, mit dem sie das Abschlussgespräch hatte, schlug ihr vor, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.

Bei unserem ersten Termin erfuhr ich ihre Krankengeschichte und einiges über ihre Lebensumstände. Die Mutter war gestorben als sie 16 war. Mit 19 ging sie von zu Hause weg. Jetzt arbeitete sie in einer Kindertagesstätte und sie versicherte mir, dass sie die Arbeit mit den Kindern sehr liebt. Ihr Privatleben sei unauffällig. Es gäbe seit über einem Jahr eine feste Beziehung zu einem Mann, zusammenziehen wolle sie mit ihm aber nicht.

Ich hörte ihr lange zu. Das, glaube ich, mache ich anders als Fritz Perls. Aus den Filmaufzeichnungen seiner Arbeit gewinne ich immer den Eindruck, er möchte keine Zeit verlieren mit den Geschichten. „Don`t tell me stories“, und fragt dann direkt: „Was nimmst du jetzt wahr?“. Das kriege ich nicht hin. Bei mir dauert es immer eine Weile, bis ich eingestimmt bin. Irgendwann will auch ich wissen: „Kannst du es fühlen? Ich meine, kannst du jetzt etwas fühlen, wenn du die Aufmerksamkeit auf den Bauch richtest?“ Ja, sie konnte etwas spüren. Es war zwar nicht mit den Schmerzen vergleichbar, die sie erlebt hatte. Dennoch, wenn sie jetzt auf ihren Bauch achtete, gab es etwas wie ein entferntes Gewitter.
„Sprich zu deinem Bauch“, schlug ich vor.
 „Ich soll zu meinem Bauch sprechen?“
 „Mhm. Der Bauch hat so etwas wie eine eigene Persönlichkeit und deshalb kann man durchaus mit ihm reden.“
 „Was soll ich ihm denn sagen?“
 „Sag ihm, wie es dir mit ihm geht.“ Sie schaute auf ihren Bauch und fing an:
„Hör mal. Ich finde das gar nicht lustig, was du mit mir machst. Du machst mich ja zum Gespött der Leute. Ich renn ins Krankenhaus, weil ich meine, dich wird’s gleich zerreißen und dann war alles bloß heiße Luft.“ Isabel pausierte und schaute zu mir herüber: „Und jetzt?“
„Sag dem Bauch, was du willst.“
“Ahem. Ich möchte, dass du mich nicht so attackierst. Tu deine Arbeit und lass mich in Ruhe meine Arbeit tun.“
„ Jetzt wechsle die Rollen. Sei der Bauch und sprich zu Isabel.“
„Hallo Isabel. Ich soll dich in Ruhe lassen? Das geht nicht. Ich kann dich nicht in Ruhe lassen, sonst begreifst du es nie.“
„Ich begreif es nie? Was muss ich begreifen?“
„Du machst dich doch fertig auf der Arbeit. Du frisst alles in dich hinein und dann landet es bei mir, und dann schrei ich laut auf.“
„Aber ich liebe doch meine Arbeit…ich verstehe nicht,“ sagte sie und der Bauch antwortete: “Und was ist mit Frau Bausch?“ An dieser Stelle verhärtete sich Isabels Gesicht. Ihr ganzer Körper ging in Anspannung. Sie schaute mich Hilfe suchend an.
 „Ja, was ist mit Frau Bausch?“ fragte ich auch.
 „Frau Bausch ist meine Chefin. Sie treibt mich noch in den Wahnsinn. Sie ist launisch, unberechenbar. Sie ist so ungerecht in ihren Urteilen – auch zu den Kindern. Sie macht mir das Leben zur Hölle!“ Die letzten Sätze kamen mit einer ordentlichen Ladung. Und: Da war sie, die Empörung.

Das war kurz vor Ende unserer ersten Sitzung. Von einer geschlossenen Gestalt konnte noch keine Rede sein. Wir fassten abschließend zusammen: Es gibt massive Vorwürfe gegen Frau Bausch und Isabel ist überzeugt, dass sie vollkommen im Recht ist, empört zu sein. In den Anfangszeiten meiner Praxis war ich immer wieder verwundert, wenn meine Klienten mir nach einer derart unfertigen Sitzung die Rückmeldung gaben, sie fühlten sich schon viel besser. Im Lauf der Zeit verstand ich, dass es enorm erleichtert, der inneren Störung einen Namen zu geben. Isabels innerer Tumult hatte einen Namen, er hieß: EMPÖRUNG.

Einige Sitzungen später ging es wieder um Frau Bausch. In kürzester Zeit war die Erregung wieder präsent. Isabel beschwerte sich heftig über ihre Chefin und deren unprofessionellen Arbeitsstil. „Sie besitzt einfach keine Führungsqualitäten: Sie redet schlecht über uns hinter unserem Rücken. Sie müsste längst mehr Stellen für die Tagesstätte beantragen, mit so wenig Leuten ist die ganze Arbeit nicht zu schaffen. Sie presst uns aus wie die Zitronen. Besonders mir gibt sie immer das Gefühl, dass ich ihr nichts recht machen kann. Will man ihr was sagen, hört sie nicht zu. Es scheint so aussichtslos.“
Als Isabel eine längere Pause machte, schlug ich ihr vor, das alles Frau Bausch direkt zu sagen. Also wurde Frau Bausch dem leeren Stuhl zugewiesen und Isabel begann langsam, stockend nach Worten zu suchen. Mit dem Reden kamen die Vorwürfe einer nach dem andern zum Vorschein. Aber nicht etwa heftig, so wie sie zu mir gesprochen hatte, sondern eher verschüchtert, eher kläglich.
„Wie fühlt sich das an?“
 „Ich fühl mich irgendwie jämmerlich, so kraftlos. Ich fühl mich ganz klein.“
 „O.K., schließ die Augen für einen Moment. Wer sitzt wirklich vor dir?“ Nach einigem Zögern: „Mutti...“
„Sprich mit ihr".
"Ich kann nicht mit ihr sprechen. Man konnte nie mit ihr sprechen. Sie ist so übermächtig.“
„Sag ihr das.“
„Ich kann nicht zu dir sprechen. Ich fühl mich klein und unbedeutend und hässlich. Ich kann nix, ich bin nix. Ich kann`s dir nie recht machen.“
„Was willst du?“
„Ich will nur weg von hier.“
„O.K., tausch die Plätze. Geh in die Rolle deiner Mutter.“ Isabel tauscht die Plätze nicht: „Sie ist nicht meine Mutter.“
„Aha…“
„Sie ist die zweite Frau meines Vaters und sie hat sich zwischen ihn und mich gedrängt. Seitdem hab ich gar nichts mehr: die Mama nicht und den Papa auch nicht.“
„Sag es ihr.“
„Du bist so ungerecht. Du redest hinter meinem Rücken schlecht über mich. Ich weiß, dass du dich bei ihm über mich beschwerst. Du versuchst immer einen Keil zwischen den Papa und mich zu treiben. Du willst ihn nur alleine für dich haben.“
„Was fühlst du jetzt?“
„Ärger und gleichzeitig, dass ich es unterdrücke. Ich will meine Wut nicht zeigen, das wäre eine Schwäche und wenn ich mich schwach zeige, habe ich vollends verloren.“ Längere Pause. „ Am liebsten wäre mir, du würdest dich in Luft auflösen.“
„Jetzt nimm ihren Platz ein, sprich zu Isabel.“
„Ich weiß nicht, was mit dir los ist. Seit du 16 bist, machst du mir und dir das Leben schwer. Du schaust mich nicht an, du sprichst nicht mit mir. Du schmollst, du bockst. Glaubst du, das macht mir Spaß? Ich hab irgendwann aufgegeben. Jetzt bist du 42 und benimmst dich immer noch wie ein Teenager. Komm endlich auf den Boden der Tatsachen.“
„Ach ja? Ich soll still sein, mich schicken, nicht aufbegehren, am besten gar nichts wollen. Ich will ihn aber! Er ist mein Vater!“ EMPÖRUNG, da war sie wieder. In der Rolle der Stiefmutter sagte sie: „Das klingt, als sagtest du: Er ist mein Mann. Aber da kann ich dir helfen.“ Sie zeigte ihren Ehering. „Er hat mich geheiratet und du bist nicht seine Frau, nicht seine Freundin, nicht seine Geliebte. Du bist einfach seine Tochter.“

In diesem Augenblick sah es aus, als müsse Isabel ersticken. Ein kleiner, dünner Schrei kam aus ihrer Kehle, sie glitt vom Stuhl herab auf die Knie. Ihre Hände krampften sich vor der Brust zusammen, als wolle sie verhindern, dass ihr das Herz zerspringt. Langsam kamen Tränen unter den zusammengepressten Augenlidern hervor. Es war ein Ringen mit sich selbst.
„Atmen," sagte ich, "vergiss das Atmen nicht.“ Sie zog tief Luft ein, und dann suchte sich das Schluchzen einen Weg aus der Brust. Eine ganze Weile lang wurde ihr Körper vom Weinen geschüttelt. Das ging mir auch ans Herz und zugleich war spürbar, dass sich etwas Tiefes löste. Noch unter Tränen, aber bereits lachend sagte sie, an den leeren Stuhl gewandt: „Du bist aber auch eine blöde Kuh… und du hast Recht. Ich wollte ihn für mich alleine haben.“

Ich erinnerte daran, dass unser Dialog mit Frau Bausch begonnen hatte und bat Isabel auch den Dialog mit ihrer Chefin, soweit es möglich war für heute, abzuschließen. „Ich weiß noch nicht, was ich ihr sagen werde, wenn ich ihr morgen wiederbegegne, aber es fühlt sich im Augenblick ganz anders an als sonst.“ Längere Pause. „Es kann gut sein, dass ich ihr kündigen werde, um anderswo neu anzufangen.“
 „Und wie geht es deinem Bauch jetzt?“
 „Unauffällig, wenn ich ihm keine besondere Aufmerksamkeit schenke, fällt er mir gar nicht auf...“

Nachsatz: Es geht hier nicht darum, die Empörung zu pathologisieren. Nicht jeder, der empört ist, muss gleich zum Therapeuten gehen. Empörung angesichts politisch untragbarer Verhältnisse ist unverzichtbar. Menschenrechtsverletzungen, Umweltsünden, Unterdrückung und Ausbeutung können nicht hingenommen werden. Am Anfang großer Veränderungen stand oft große Empörung. Sie ist der Dampf, der den Zug der Veränderung vorwärtstreibt.

Die Empörung, von der ich sprach, ist steckengeblieben. Sie hatte nie ein Betätigungsfeld. Ohnmächtig war sie immer wieder zur gleichen Stelle in der Vergangenheit zurückgekehrt und hatte sich dort festgebissen wie ein abgerichteter Hund. Es ist eine Empörung, die sich nach innen, gegen den Empörten selbst richtet. Sie ist es, die gesehen und befreit werden muss.

Frühere Leben

Es ist fast dreißig Jahre her, dass meine Klientin Wilma in einer Therapiesitzung von Bildern berichtete und durch Räume ging, die sie aus diesem Leben nicht kennen konnte. Ich arbeitete damals vorwiegend körpertherapeutisch mit Rebalancing, das ist eine Tiefengewebsmassage, die mir ehrlich und bodenständig vorkam. Es gefiel mir, dass es für den stets raffinierten Verstand keine Schlupflöcher gab. Der Körper lügt nicht, hatten wir gelernt und: jede Zelle des Körpers hat ihr eigenes Gedächtnis. Wenn das Gewebe entsprechend berührt wird, können aus jeder beliebigen Körperregion Erinnerungen aufsteigen. Rebalancing geht auf die große Körpertherapeutin Ida Rolf zurück. Sie ging so weit zu sagen: Wenn du das Bindegewebe eines Körpers mit kundiger Hand durchgearbeitet hast, sind alle Blockaden beseitigt und du brauchst keine Psychoanalyse mehr. Sie nannte ihre Methode: Restrukturierung des Körpers.

Wir, die Schüler der Schüler von Ida Rolf (sie starb 1979), entfernten uns in einem Punkt von unserem großen Vorbild: Unsere Hände gingen fachkundig und fest mit dem Bindegewebe unserer Klienten um, wie wir es gelernt hatten. Darüber hinaus luden wir jeden ein, anzusprechen, wenn Gefühle, Bilder oder Erinnerungen aufstiegen.

Wilma war Tänzerin. Sie hatte gehört, dass Rebalancing den Körper geschmeidiger, die Bewegung eleganter macht. Im Vorgespräch erwähnte sie, dass es einen seltsamen Schmerz unter dem linken Schulterblatt gab. Er plagte sie nicht pausenlos, nur wenn sie sich auf diese Region einstellte, fühlte es sich an wie ein Surren, etwa wie die Aktivität eines kleinen Elektromotors. Manchmal trat genau an dieser Stelle ein plötzlicher, stechender Schmerz auf, der sie wie ein Blitz durchfuhr. Bisher war das noch nie auf der Bühne passiert, aber sie lebte in der Angst, es könne irgendwann passieren.

Nach unserer dritten Sitzung war die befremdliche Empfindung verschwunden. Als sie nach der Behandlung aufstand, dehnte und streckte sie sich, testete, wie sich die Schulter anfühlt und stellte fest: „Es ist weg. Es fühlt sich so frei an.“ Zu Beginn der vierten Sitzung erzählte sie mir, 24 Stunden nach der letzten Sitzung sei es wieder zurückgekehrt und zwar gleich so, „als ob ein Pfeil mich durchbohrt.“

Nach dieser und jeder weiteren Sitzung war die störende Empfindung verschwunden, manchmal für Stunden, manchmal für Tage, aber frustrierender Weise nie anhaltend. In der neunten Sitzung arbeitete ich mit sehr geringem Druck an Wilmas linker Schulter - eher wie ein Uhrmacher als ein Rebalancer. Ich hatte meine Hand unter ihr Schulterblatt geschoben und stellte mir vor, meine Finger sinken an der Schmerzstelle ohne Anstrengung immer tiefer ins Gewebe ein. Wilmas Augen waren geschlossen. Unter ihren Augenlidern konnte ich auf einmal eine rasche, nervöse Bewegung der Augäpfel beobachten, gleichzeitig veränderte sich ihre Atmung, sie kam stoßweise. Hervorgestoßen kamen auch die Worte: „Ich muss weg hier, ich muss weg.“

Ich widerstand dem Impuls meine Hand zurückzuziehen, ließ sie vielmehr unter dem Schulterblatt liegen und sagte: „Was ist los?“
„Sie sind hinter mir her. Sie wollen mich töten...“ Ich ließ ihr ein bisschen Zeit, dann fragte ich: „Wie sieht es da aus, wo du gerade bist?“
Jetzt entstand das Bild: Sie sah sich vom Bauernhaus wegrennen, den Karrenweg hinauf. Sie hielt auf eine Hütte zu. Sie wusste, dass hinter der Hütte Brennholz gestapelt war und es gelang ihr, sich zwischen den Holzvorrat und die Hauswand zu drücken. Dort wartete sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hörte Schritte näher kommen. Männer riefen einander in einer fremden Sprache Worte zu. Die Tür der Hütte wurde aufgerissen. Wilma konnte hören, wie sie immer ärgerlicher wurden, weil sie nichts fanden. Sie durchsuchten den Heuboden, erfolglos. Dann strichen sie missmutig ums Haus und einer der Männer stach mit seiner Lanze blindlings durch den Holzstoß. Beim zweiten Mal traf er Wilma genau unter der Schulter und die Lanzenspitze drang in ihr Herz ein.

Ich selbst hatte bereits einige reinkarnationstherapeutische Sitzungen hinter mir, war also offen dafür, dass es so etwas wie frühere Leben gibt. So gelang es mir in der Sitzung mit Wilma umzuschalten. Zunächst hielt ich es für möglich, dass sie aus dem Sitzungsraum fortlaufen wollte. Dann dachte ich, sie erinnert eine gefährliche Situation aus ihrer Kindheit oder Jugend. Als aber die Details auftauchten, musste ich mich der Tatsache öffnen, dass wir in eine andere Zeit hineingestolpert waren. Bei jeder Art von Rückerinnerung fand ich es immer hilfreich zu fragen: „Schau an dir herunter, was trägst du für Schuhe? Was für Kleider, Rock oder Hose, Kleid oder Hemd?“ Wenn unsere Klientin das rote Kleidchen erinnert, das sie zum 6.Geburtstag bekommen hat, werden damit sofort viele andere Einzelheiten wach und die Szene wird plastisch, greifbar, fühlbar.

Wilma sah, dass sie barfuß war. Die Füße waren schmutzig von der Arbeit auf dem Feld und im Stall. Sie trug ein helles Kleid aus einem groben Stoff, einfachster Schnitt, einem Nachthemd ähnlich. Die Haare hatte sie in einem Zopf gebunden. Die Frau vor mir auf der Behandlungsliege hatte kurze Haare, aus denen sich kein Zopf hätte flechten lassen. Spätestens jetzt wusste ich: Wir sind hier nicht in einer Kindheitserinnerung, wir haben die Schwelle zu einer anderen Existenz überschritten. Wilmas Körper spiegelte die Ereignisse wider. Nicht dramatisch, dennoch nicht zu übersehen. Ich konnte den beschleunigten Herzschlag am Hals beobachten, die kurze Atmung, die hektischen Bewegungen der Augäpfel. Auch nachdem sie berichtet hatte, wie die Lanze sie durchbohrte, wurde der Körper nicht ruhiger. „Was passiert gerade?“
 „Ich hätte laufen müssen. Ich hätte entkommen können. Ich kenne mich hier doch viel besser aus als die fremden Männer.“
 „Du gibst dir selbst die Schuld?“
 „Ja, irgendwie schon. Ich hätte ihnen entwischen müssen oder wenigstens kämpfen und kämpfend sterben. Aber dieser Tod ist so völlig bescheuert.“
 Da ist sie wieder: Die EMPÖRUNG. Oder besser, Wilma hadert. Sie hadert mit sich und dem Schicksal. So wie es gelaufen ist, hätte es niemals laufen dürfen.

Mit dem Gestaltbegriff gesprochen wäre es natürlich perfekt, wenn sich am Ende das zurückliegende Leben zu einer großen Gestalt schließen und im Tod seinen krönenden Abschluss finden könnte. Wenn wir aber noch so vieles vom Leben wollen, noch so vieles vorhaben, ist es schwer, loszulassen. Aus dem Leben gerissen zu werden, plötzlich, gewaltsam, so wie Wilma hinter dem Holzstoß, das bedeutet immer im Augenblick des Todes: „Ich bin nicht bereit, ich bin noch nicht so weit. Das kann nicht sein, das darf nicht sein.“ Was unsterblich ist, müsste sich jetzt vom sterblichen Körper lösen, nennen wir es die Seele. Sie muss gehen, der Körper ist nicht mehr bewohnbar. Da sie offensichtlich nicht loslassen kann, nimmt sie das Unerledigte mit – über den Tod hinaus. Sie behält das Drängen nach Lösung bei und wenn sie wieder inkarniert, bringt sie das Unfertige und den Wunsch nach Lösung wieder mit in die neue Existenz. 

„Du möchtest es diesen Kriegsknechten heimzahlen, stimmt´s?“ sagte ich, weil ich sah, dass Wilma nicht mehr weiter kam.
"Ja, ich möchte mich wehren und nicht wie ein aufgespießtes Karnickel verrecken.“
„Dann musst du das tun.“
„Es geht nicht, ich kann mich nicht bewegen. Das Blut rinnt mir aus meinem Körper fort.“
„Ja, ich glaube, jetzt ist etwas anderes dran.“
„Was meinst du?“
„Ich meine, dass es jetzt Zeit ist, den Körper zu verlassen.“
„Ich komm nicht weg.“
„Was gibt es noch zu sehen, was du nicht gesehen hast?“

An dieser Stelle gehen die Klienten meist in das Leben zurück, das gerade zu Ende geht. Sie sehen sich selbst noch einmal und manchmal gestehen sie Fehler ein und bitten um Entschuldigung. Sie sagen Worte, die ungesagt geblieben waren. Oft erkennt man im Tod, dass man Nahestehende geliebt hat und es nie ausgesprochen hat. Am schwersten aber ist es, eine Bitterkeit loszulassen, eine Ungerechtigkeit als Ungerechtigkeit zu erkennen und so stehen zu lassen – jetzt im Tod kann ich es nicht mehr ändern. Immer und immer wieder geht es darum, anzuerkennen was ist. Erst dann gibt es Ruhe, dann hört der drängende Wunsch auf, etwas ändern zu wollen, das sich nicht mehr ändern lässt.

Als ich damals mit Wilma arbeitete, war mir nur klar, dass sie heute sehen und annehmen musste, was sie, gefangen in der Empörung, im Augenblick des Todes, nicht hatte sehen können. Ich dachte, es genügt die alten Geschichten umfassend zu sehen, damit sie sich auflösen können. Als ich in der folgenden Zeit immer wieder Klienten dabei begleitete, unfertige Szenen zu erinnern, lernte ich, dass sie das Geschehen nur dann sehen und annehmen konnten, wenn sie es mental hatten abschließen können. Es drängte sich mir auf anders zuzuhören und immer öfter stellte ich die Frage: Was muss noch erledigt, was muss noch gesagt, was muss noch verstanden werden, damit sich unser Klient von der alten Geschichte ab und der Gegenwart zuwenden kann?

Jetzt fing ich an, die gestalttherapeutische Vorgehensweise auch in Rückführungen zu nutzen und zum Beispiel den Dialog einzusetzen. Heute arbeite ich selbstverständlich mit den gestalttherapeutischen Möglichkeiten, wenn es um Inhalte aus vergangenen Leben geht, genauso wie ich bei Bildern vorgehe, die aus der Kindheit, aus Träumen, Wachträumen oder Phantasiereisen stammen .

Wichtig: Wenn wir Reisen in andere Zeiten begleiten, dürfen wir unsere Klienten nicht loslassen, bis sie wieder im Hier und Jetzt angekommen sind. Nachdem Wilma die ganze grausame Wahrheit gesehen hatte – das dauerte reichlich eine Stunde – konnte ich sehen, wie sich ihr Körper entspannte, wie sich die schmerzvolle Mimik löste und eine längere Stille eintrat. Sie berichtete mir, dass sie die Hütte mit dem Holzstoß unter sich sah und dass sie sich mehr und mehr aus der Szene entfernte. Sie sah noch, wie Flammen aus dem Dach der Hütte schlugen, aber das schien jetzt nicht mehr wichtig. Der Abstand zu dieser Szene wurde rasch größer. Dann war sie draußen.

Meist wird dieser Zustand als schwerelos beschrieben. Es gibt kein Zeitempfinden und doch kommt unfehlbar immer der Moment, in dem die Reisenden spüren: jetzt ist es Zeit wieder eine Form anzunehmen und auf der Erde mitzuspielen. Wie das geht, spare ich hier aus, das muss der Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, selbst erleben.

Die Erfahrung mit Wilma zeigte mir jedenfalls, dass Bilder aus anderen Jahrhunderten in Sitzungen auftauchen können, ganz ohne Tranceinduktion. Nicht, weil wir neugierig danach suchen, sondern weil sie dicht unter der Oberfläche liegen. Bis vor ca. zehn Jahren passierte so etwas selten, vielleicht ein, zweimal im Jahr. In letzter Zeit kommt es häufiger vor. Der Umgang mit einer erweiterten Wahrnehmung ist mir inzwischen geläufig. Vielleicht strahle ich einfach die Botschaft aus: Wenn da noch etwas Altes zu erledigen ist, ich bin bereit, hier kannst du an ganz unglaubliche Geschichten herangehen. Dieser Therapeut nimmt dich ernst. Er geht mit dir hin, wohin es auch sei. Deshalb bin ich auch jetzt soweit zu formulieren: Unsere Therapie hat den Namen „Transpersonale Gestalttherapie“ verdient.

Wir belächeln den Dialog mit Verstorbenen nicht und nicht den Dialog mit Gott. Für uns ist das Abschließen unfertiger Erlebnisse aus anderen Inkarnationen ebenso Tagesgeschäft wie das Schließen offener Gestalten aus der Kindheit. Was macht das für einen Unterschied, ob die Erinnerung dreißig oder dreihundert Jahre alt ist? Die Dimension Zeit scheint in der psychischen Realität so gut wie keine Rolle zu spielen.

Ich traf Wilma zwölf Jahre später auf einem Konzert in Düsseldorf wieder. „Wie geht’s dem Schmerz unterm Schulterblatt?“ Das musste ich sie natürlich im Laufe des Gesprächs fragen. Sie konnte sich zunächst an nichts erinnern. Als wir darüber sprachen kam die Erinnerung an unsere Sitzungen wieder. Sie hatte längst vergessen, dass da jemals Schmerzen waren. Sie hatte in den letzten Jahren große Erfolge auf der Bühne. Offenbar hatte sie ein Stück schmerzlicher Realität integrieren können und damit lange gebundene Lebensenergie freigesetzt.


 Rajan Roth, Januar 2016


Literatur: Fritz Perls: Grundlagen der Gestalttherapie, Stuttgart 2007. (Die amerikanische Erstausgabe erschien 1973 )
Mehr zu transpersonaler Therapie im Post „Aufbautraining“ in diesem Blog.





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