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Freitag, 18. Dezember 2015

Aufbautraining

Seit ein paar Tagen ist es raus: 
Es wird 2017 ein Aufbautraining „ Living the Gestalt“ geben.
Teilnehmen kann jeder, der die zweijährige Living the Gestalt-Ausbildung abgeschlossen hat. Wer anderswo zum Gestalttherapeuten ausgebildet wurde, kann sich bewerben und wir laden sie oder ihn dann zu einem Interview ein. 2017 wird es da weitergehen, wo die zweijährige Ausbildung aufgehört hat. Wir führen das Konzept des Erfahrungslernens fort, zusätzlich wird es wieder Referate zum Hintergrundwissen geben. Auch die Struktur behalten wir bei: 5 Blöcke à vier Tage, immer von Donnerstag bis Sonntag, Ende Januar, Mai, Juli, September und November.

Inspiriert wurden wir an einem Wochenende Anfang November. Deva Prem und ich trafen   Absolventen des zweiten Trainings bei „Lernen am Berge“ in Lüneburg, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen, um zu erfahren wo jeder steht und um therapeutisch miteinander zu arbeiten. Von diesen Tagen blieb mir vor allem in Erinnerung, wie schnell wir alle an wesentliche Themen herankamen und wie sich bei jeder einzelnen Sitzung neue Inhalte, neue Facetten, neue Dimensionen der Psyche zeigten.

Mir scheint heute, dass sich die transpersonalen Zusammenhänge bei der therapeutischen Arbeit viel schneller zeigen und viel deutlicher sichtbar werden, wenn die Klienten bereits ihre Hausaufgaben gemacht haben. Unsere Klienten an diesem Wochenende waren selbst Therapeuten. Jeder hatte bereits zwei Jahre Therapie und Ausbildung und damit ein gutes Stück Selbsterkundung hinter sich. Wie von selbst ging es tiefer, eben in transpersonale Bereiche.

Ein paar Worte zum Begriff transpersonal. Er tauchte in den 80er Jahren auf. Jeanne Achterberg, Ärztin und Professorin an der University of Texas in Dallas schrieb 1985 ein Buch über „Die heilende Kraft der Imagination“ (deutsch 1987 beim Scherz Verlag). In der Einleitung schrieb sie: “Das Erzeugen von visuellen, symbolhaften inneren Bildern mittels unserer Vorstellungskraft – das ist ein Vorgang, der in der Medizin schon immer eine Schlüsselrolle gespielt hat….Das Vorstellungsbild ist eine der Hauptursachen für Krankheit und Gesundheit, es ist das älteste und wichtigste Hilfsmittel im Heilungsprozess.“ (S.7) Achterberg führt aus, dass es zwei Typen von Heilungsvorstellungen gibt: präverbale und transpersonale. Die transpersonale beruht auf der Annahme, dass Information vom Bewusstsein einer Person auf das physische Substrat einer anderen übertragbar ist. „Der transpersonale Vorstellungstypus setzt die Existenz von Informationskanälen voraus, die mit wissenschaftlichen Mitteln bisher nicht nachgewiesen werden konnten.“ (S.10) Seit zwanzigtausend Jahren nutzen Schamanen die heilende Kraft der Imagination. „Der Schamane ist der ursprüngliche Künstler, Tänzer, Musiker, Sänger, Dramaturg, Intellektuelle, Poet, Barde, Botschafter, Berater von Häuptlingen und Königen, Entertainer, Schauspieler und Clown, Heiler, Bühnenzauberer, Jongleur, Folksänger, Meteorologe, Kunsthandwerker, Kulturheld und Menschenverbesserer.“ (S.20,21) Dabei muss ich unwillkürlich an Fritz Perls denken. Er selbst sagte, dass Gestalttherapie viel mit Schamanismus zu tun hat.

Transpersonal, so sagte J.Achterberg in einem Interview 2012, ist der medizinische Terminus für spirituell. Beide Begriffe können synonym verwendet werden. Transpersonal gefällt Achterberg besser, weil es kein „Geschmäckle“ hat. (Auf einem Kongress „Spirituality and Psychology“ im Febr. 2012 in Atherton, CA, USA.)

In Lüneburg also, ging es rasch zu transpersonalen Inhalten: Sinn und Bestimmung des Lebens. Welche Form des Soziallebens suche ich? Alles läuft auf den Tod zu, er markiert das unabänderliche Ende, und wie gestalte ich mein Leben, bis er da sein wird? Darüber hinaus kamen Verstrickungen nach vorne, die aus vorigen Leben stammten. (Dazu mehr im nächsten Beitrag.) Wir sahen spirituelle Helfer in Sitzungen auftreten, wir sahen Teilnehmer, die mit Ahnen und Verstorbenen sprachen und mit jeder abgeschlossenen Arbeit wurde die Luft im Gruppenraum leichter und sauberer. Natürlich kam da der Wunsch auf: Davon wollen wir mehr.   

„Transpersonale Gestalttherapie“  wird der Titel des ersten Wochenendblocks sein. Die andern vier Blöcke werden enger oder weiter mit diesem Thema zu tun haben. Wir werden die Arbeit mit Träumen intensivieren, und es wird um das „Erledigen unvollendeter Handlungen aus vorigen Leben“ gehen. Der vierte große Bereich heißt: Die Begegnung mit dem Wunderbaren, Mystik in der Gestaltpraxis, hierher gehört auch das Meister-Schüler-Verhältnis. Zwischendrin wird es ein Encounter-Wochenende für Gestalttherapeuten geben.

Ich bin keineswegs der Meinung, dass wir die Gestalttherapie unerlaubt ausdehnen, wenn wir deutlich machen, dass sie eigentlich immer transpersonal war. Jeder kann nachlesen, dass Fritz Perls von Satori gesprochen hat, ein temporärer Zustand von Erleuchtung. Er verbrachte einige Monate in einem Zen-Kloster und er sah seine Aufgabe stets darin, die Teilnehmer seiner Gruppen auf dem Weg zu mehr Bewusstsein zu begleiten. Zugegeben, es gibt kein Beispiel dafür, dass in seinen Sitzungen Klienten mit vorherigen Leben in Berührung kamen, aber es ist doch nicht zu übersehen, dass sich in seiner Hand die Gestalttherapie von 1950 bis 1970 permanent veränderte. Die Menschen veränderten sich, die Themen wandelten sich und mit ihnen veränderte sich Fritz Perls und seine Therapie. Daher bin ich überzeugt: wenn sich in seinen Therapiesitzungen ergeben hätte, was sich bei uns immer wieder zeigt, dann hätte er die Erlebnisfelder des Transpersonalen genauso integriert, wie er den Engpass oder die Begegnung mit der Leere integriert hat.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Stanislav Grof: „Wir müssen uns von dem Vorurteil befreien, Bewusstsein sei etwas im menschlichen Gehirn Geschaffenes, das demgemäß in dem knöchernen Behältnis unserer Schädel stecke. Wir müssen die Vorstellung hinter uns lassen, Bewusstsein existiere nur als das Ergebnis unserer individuellen Leben…. Transpersonales Bewusstsein ist nicht begrenzt sondern endlos. Es erstreckt sich über die Grenzen von Raum und Zeit hinaus… Wenn wir diese Sicht von Bewusstsein akzeptieren, schliesst das unser Eingeständnis mit ein, dass unser Leben nicht nur von den unmittelbaren Einflüssen der Umwelt seit dem Tage unserer Geburt geformt ist, sondern mindestens ebenso sehr von denen unserer Ahnen, der Kultur, des Spirituellen und des Kosmos – und all das in einem Ausmaß, das bei weitem überschreitet, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können.“ (Stanislav Grof: Die Welt der Psyche. München 1993, S.123,124)

Rajan Roth, 15.12.2015