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Mittwoch, 9. September 2015

Was hat Carl Rogers in einer Gestaltausbildung zu suchen?


                                  Von Rajan Roth

Gestalttherapeuten hören oft den Vorwurf, sie seien dominant, sie lenkten die Sitzung in ihre Richtung, kurz, sie seien manipulativ. Mag sein, dass der Vorwurf der Manipulation gelegentlich auf unsere Arbeit zutrifft. Ich sehe durchaus die Gefahr und deshalb ist es so wichtig, etwas in die Ausbildung einzubauen, was den zukünftigen Gestalttherapeuten hilft, in die Richtung des Klienten zu arbeiten und nicht in ihre eigene.

Auf Film- und Tonbandaufzeichnungen hören wir Fritz Perls immer wieder sagen: Geh in Kontakt. Geh in Kontakt mit mir. Geh in Kontakt mit der Gruppe. Geh in Kontakt mit dir selbst. Es müsste doch genügen, dass Gestalttherapeuten diese Aufforderung auch an sich selbst richten, um dann mit sich selbst und dem Klienten in Kontakt zu sein. Dann dürfte er/sie auch den Moment nicht verpassen, in dem der Kontakt zwischen beiden abreißt. Oder früher noch: Der Therapeut, die Therapeutin, müsste wahrnehmen, dass es zwischen beiden Gesprächspartnern noch gar nicht zum Kontakt gekommen ist. Hier müsste erst einmal Vorarbeit geleistet werden: Wo bist du? Was beschäftigt dich gerade, ehe eine tiefer gehende Intervention vorgeschlagen wird. Es kann also durchaus sein, dass wir einige Sitzungen damit zubringen: Nimmst du deinen Körper wahr? Was kannst du jetzt fühlen, ehe eine Identifikation oder der leere Stuhl ins Spiel kommt.

In Kontakt gehen bleibt die zentrale Anforderung an Therapeut und Klient. Wie das geht zeigt Carl Rogers im Gespräch mit Gloria sehr eindrücklich: 
Th: Guten Morgen. Ich bin Dr. Rogers, und Sie sind sicher Gloria.                                                            
K: Ja, das bin ich.  
Th: Wollen Sie sich nicht setzen? Nun, wir haben also eine halbe Stunde miteinander, und ich weiß tatsächlich nicht, was wir daraus machen können, aber ich hoffe, wir werden etwas daraus machen. Ich bin an allem interessiert, was Sie angeht.                                                                 
K: Nun, ich bin im Augenblick etwas nervös, aber die Art, wie sie so leise mit mir sprechen, macht mich schon ruhiger; auch hab` ich nicht das Gefühl, dass Sie grob zu mir sein. Doch...                                           Th: Ich höre das Zittern in Ihrer Stimme…                                                                             
K: Nun ja, worüber ich vor allem mit Ihnen sprechen möchte, ist folgendes: …
An dieser Stelle beginnt eine lange Darstellung ihrer Situation. Offenbar hat Gloria bereits Vertrauen gefasst. Der Film ist auf You tube zu sehen und man kann miterleben wie der Kontakt sich in den ersten Minuten entwickelt. ( Die Übersetzung ist hier zitiert aus Carl Rogers: Therapeut und Klient, Frankfurt 1994, S. 166)

In der Ausbildungspraxis haben wir nun gelernt, dass es Wochen, manchmal Monate dauert, ehe der angehende Therapeut einen echten Geschmack davon bekommt, wie das ist, mit sich selbst in Kontakt zu sein. Was für eine belebende Erfahrung es ist, den eigenen Atem wahrzunehmen, zu registrieren, wie das Blut in den Adern pulsiert, den Luftzug auf der Haut zu spüren.

Könnte es nicht etwas geben, das dem zukünftigen Therapeuten das Hineinwachsen in die Arbeit leichter macht? Etwas ganz Grundlegendes, etwas, das uns die Richtung vorgibt, in die alles therapeutische Bemühen geht?  Etwas, das wie der Grundton in der Musik durchgängig präsent ist, auch wenn er gerade nicht gespielt wird?

Genau das finden wir bei Carl Rogers, in seinen Ausführungen zur Haltung des Therapeuten.

Seine „clientcentered therapy“ ist eine Absage an die therapeutenzentrierte Therapie, mit ihr beendete Rogers die Alleinherrschaft der Psychoanalyse. Er sprach als erster nicht mehr von Patienten sondern von Klienten. Er machte auf das Gefälle zwischen Therapeut und Klient aufmerksam und verzichtete bewusst darauf, für den Klienten etwas besser zu wissen, etwas für ihn zu deuten, ihm zu sagen, wie das Leben geht. Dominantes und missionarisches Verhalten beraubt den Klienten seiner  Würde, weil es ihm die Selbständigkeit nimmt und ihn bevormundet.

 Bei Rogers wird der Therapeut auf die Ebene eines menschlichen Alltags gehoben. Therapeuten sind nur graduell und partiell geordneter und entspannter als ihre Klienten. Heute erlebt der Therapeut einen guten Tag und kann dem Klienten helfen. Morgen kann er selbst einen emotionalen Einbruch erleiden und zum Klienten werden, der Hilfe braucht.
  
 Diese Haltung demonstrierte Fritz Perls in Sitzungen vor der Gruppe. Er tauschte immer wieder mit Gruppenteilnehmern den Platz. In der Arbeit mit Barbara, in der er sein Verhältnis zu Freud reflektieren musste,  wird auf beeindruckende Weise klar, dass nicht einmal er, Fritz, immer der Überlegene sein musste. Barbara fragte ihn: „Was ist dir gerade bewusst?“  Fritz antwortete: „Eine große Trauer, dass Freud gestorben ist, ehe ich wirklich von Mann zu Mann mit ihm reden konnte.“ (Grundlagen der Gestalttherapie, S.231) Am Ende dieser kleinen Besinnung auf Freud lobt er Barbara und sagt. „Du hast etwas für mich getan.“

 Wem es vor allem darauf ankommt sein Therapeuten-Ego zu pflegen, der findet die ruhige,  bescheidene Art eines Carl Rogers eher unattraktiv. Als Rogers gefragt wurde:“ Reicht es denn aus, nur >ja< und >mhm< zu sagen und das zuletzt gesagte Wort zu wiederholen?“  antwortete er: „Dem Klienten schon.“ Das könnte übrigens erklären, weshalb    clientcentered therapy in den USA schon seit einigen Jahren wieder auf dem Rückzug ist.
                                                                                                               
Therapeuten, die sich immer siegreich, immer überlegen, immer geläutert und zentriert präsentieren, sind wie Plastikblumen. Sie können allenfalls etwas Ideales transportieren, aber nichts Reales. Wir sind Wegbegleiter, soweit es irgend geht auf Augenhöhe. Nicht aber: Du, der arme, bedauernswerte, hilfsbedürftige Patient. Ich, der Strahlemann, der innerlich reiche, bewundernswerte, stets hilfsbereite Therapeut.

                                          Die therapeutische Haltung!

Roger  zeichnete im Laufe seines Berufslebens tausende von Sitzungen auf und ließ sie transkribieren. Diese gigantische Materialsammlung zeigte ihm, seinen Mitarbeitern und Studenten, dass ein Gesprächstherapeut nicht mehr braucht, als Zuhören, Verstehen und Widerspiegeln des Verstandenen. Wenn man von Technik reden will, ist hier in einem einzigen Wort alles gesagt: Spiegeln. Mehr Handwerkszeug brauchen wir nicht.
Darüber hinaus zeigte sich – viel wichtiger als jede Technik -  dass eine ganz bestimmte therapeutische Haltung den Verlauf und letztendlich den Erfolg der Therapie bestimmt.

Rogers konnte zeigen, dass es auf drei Qualitäten ankommt:
- Empathies Zuhören
- Achtung und Wertschätzung
- Echtheit, Authentizität
Im letzten Lebensjahrzehnt, nach dem Tod seiner Frau Helen, kam eine vierte Größe hinzu:
-Präsenz

Wenn ein Therapeut einfühlsam ist, den Andern in seiner Andersartigkeit sein lässt, wenn er sich nicht hinter der Therapeutenrolle versteckt, sondern authentisch der ist, der er eben ist, dann kann sein Handeln therapeutisch wirksam werden. Irvin Yalom schreibt in Gruppenpsychotherapie auf S.117 dazu: “Erfolgreiche Patienten unterstrichen die Tatsache, dass ihre Therapeuten aufmerksam, warmherzig, respektvoll und vor allem <menschlich> waren. Eine umfassende Prüfung der sich häufenden Forschungsarbeiten zu diesem Themenbereich enthüllt, dass die therapeutischen Qualitäten der Akzeptanz, der nicht besitzergreifenden Wärme und der positiven Achtung stark mit erfolgreichen Therapieergebnissen in Verbindung stehen. Außerdem ist die Verbindung zwischen positiver therapeutischer Bindung und günstigem Ergebnis einer der am besten gesicherten Funde in der gesamten Psychotherapieforschung.“ Er schließt daraus auf S.118 „Diese Untersuchungen weisen also darauf hin, dass erfolgreiche Therapeuten in mehreren Bereichen, die für gute Therapieergebnisse höchst relevant sind, einander sehr ähneln, und dass die behaupteten Unterschiede zwischen den Schulen vielleicht mehr scheinbar als real sind.“

Auf S.119 berichtet Yalom von einem Versuch, den er mit einer Patientin durchführte: „Während der ganzen Behandlung hatten wir beide unabhängig voneinander zusammenfassende Impressionen von jeder Sitzung niedergeschrieben und sie im verschlossenen Umschlag meiner Sekretärin übergeben. Alle paar Monate las jeder die Zusammenfassung des anderen und wir entdeckten, dass uns sehr unterschiedliche Aspekte des therapeutischen Prozesses wertvoll erschienen. All meine eleganten Deutungen? Sie hatte sie nicht einmal gehört! Das, woran sie sich erinnerte und was sie schätzte, waren die leisen, subtilen, persönlichen Kommunikationen, die für sie ein Zeichen meines Interesses und meiner Anteilnahme waren.“

Vereinfacht heißt das: Es kommt nicht auf die Therapierichtung an. Nicht die Technik ist entscheidend sondern die Haltung des Therapeuten. Oder noch kürzer: Es ist die Beziehung, die heilt. In seinem neuesten Buch „Und alles ist vergänglich“ stellt Yalom eine Reihe von Fallbeispielen vor, in denen die Beziehung zum Therapeuten das entscheidende Bewegmoment war.

Carl Rogers hat als erster den Zusammenhang zwischen Haltung des Therapeuten und Therapieerfolg erkannt und benannt. Er sah darin die Grundlage jeder therapeutischen Arbeit und er entwickelte die Technik des Spiegelns, mit deren Hilfe wir die akzeptierende, empathische, selbstkongruente Haltung wunderbar üben können.

Genau deshalb kann ein zukünftiger Therapeut Rogers nicht übergehen auch und erst recht nicht der/die zukünftige Gestalttherapeut/in. Deshalb taucht Rogers  in jeder unserer Ausbildungen auf und zwar immer am Anfang. Zuerst Klienten zentriertes Arbeiten verstehen, sich auf diese Grundlagen einlassen. Dann erste Schritte tun, um die eigene Haltung kennenzulernen, schauen wo ich abweiche und wo ich vielleicht schon Fähigkeiten besitze, die ein Therapeut braucht. Dann schauen wie sich die Gestalttherapeutischen Interventionen als Blumenstrauß erweiterter Möglichkeiten unter unseren Händen  entfalten.

Meine unvergleichliche Lehrerin Anne Frommann brachte uns bei: „Wenn du darauf aus bist, deinen Klienten in die Knie zu zwingen, wenn er einknickt und du innerlich sagst <hab ich dich du Schweinehund> dann wird es höchste Zeit für eine Supervisionssitzung, denn dann ist das nicht mehr humanistische Therapie, was du da machst“.

  
Zitierte Literatur:
Perls, Fritz: Grundlagen der Gestalttherapie, München 1995.                                                              Yalom, Irvin: Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie, Stuttgart 2001.

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