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Dienstag, 21. Juli 2015

Fritz Perls und die perfekte Therapie


von Rajan Roth                                                                                                                                                                              
Fritz Perls hat polarisiert. Er wurde vergöttert oder verteufelt.
Kritiker schrieben:

Milan Sreckovic  im Handbuch der Gestalttherapie: “Die radikale Ablehnung und Missachtung der ethischen Standards ebenso wie die Verachtung der bestehenden Konventionen und die radikale Verweigerung einer Differenzierung der privaten Person vom Beruf des Psychotherapeuten, die P. Goodman und F. Perls konsequent lebten – und dadurch haben sie eine unsägliche Tradition in der Gestalttherapie initiiert -  ist bei allem Respekt gegenüber kultur- und gesellschaftskritischem Freigeist und ebensolcher Unbestechlichkeit meiner Überzeugung nach unverantwortlich und unethisch, mit keiner Theorie oder politischen Weltanschauung begründbar und auch nicht mit mir bekannten gestalttherapeutischen Wertorientierungen zu vereinbaren.“ (Handbuch der Gestalttherapie, Hrsg. R. Fuhr u.a. Göttingen 2001, S.154)

Die Autoren Frank Staemmler und Werner Bock bemängeln am Vermächtnis von Fritz Perls, dass er keine Theorie der Gestalttherapie hinterlassen hat. In ihrem Buch "Neuentwurf der Gestalttherapie" (München 1987, S.17) vertreten sie die Meinung, Perls habe seinen Wunsch nach Selbstdarstellung über das Bedürfnis nach theoretischer Deutlichkeit gestellt. Sie teilen mit anderen Autoren die Ansicht, F. Perls sei stark narzistisch gewesen und vermuten ,"dass Perls es vermied, diesem Bedürfnis (nach theoretischer Darstellung) nachzugehen, weil es für ihn wichtig war, das Geheimnis seiner Arbeit... für sich zu behalten."

Hier ist Steammler noch zurückhaltend, er formuliert so, dass der Leser die versteckte Kritik hören oder überhören kann. In "Der leere Stuhl" (München 1995, S.120 und 121) wird er deutlicher. Er unterteilt die Arbeit mit dem leeren Stuhl in 1. Phantasiegespräch-Technik und 2. die Selbstgespräch-Technik. Verkürzt gesprochen nimmt in der ersten Technik eine zweite Person auf dem leeren Stuhl Platz, eben eine, die aus der Phantasie des Klienten stammt - der Vater, die Mutter, der gehasste Chef etc., während in der Selbstgespräch-Technik ein Persönlichkeitsanteil oder ein Thema des Klienten auf dem leeren Stuhl Platz nimmt - z.B. top-dog, under-dog. Auf S.121  gelangt Staemmler dann zu der Formulierung: "Ich denke, es ist deutlich geworden, dass ich die monologische Form bevorzuge---Die dialogische Form der Phantasiegespräch-Technik, die ich als phantasierte Reaktion bezeichnet habe, verwende ich selbst überhaupt nicht!" An dieser Stelle höre ich eine Tür zuschlagen.

Gordon Wheeler schreibt in "Kontakt und Widerstand", Köln 1993 S.58: " ... was hier in Frage gestellt wird, ist nicht nur Perls` Verständnis der Gestaltpsychologie an sich, das bestenfalls bruchstückhaft ist, sondern sein Verständnis des Assoziationismus und sogar der Psychoanalyse selbst."  Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Fritz Perls hat die Gestaltpsychologie nicht verstanden, die Art, mit Assoziationen therapeutisch zu arbeiten nicht und damit natürlich auch die gesamte Psychoanalyse.
Gordon Wheeler ist heute Direktor des Esalen-Instituts. Esalen ist die Wiege des Human-growth-movement, Fritz Perls wird zu den Begründern dieses Instituts und der gesamten Bewegung gezählt. Gordon Wheeler hat ihn sozusagen beerbt, aber dann fügt er hinzu: naja, Fritz, das war ein bemerkenswerter Anfang, aber die eigentliche theoretische Arbeit habe ich geleistet.
Bei unserem Besuch vor drei Jahren, im Esalen-Institut, stellten wir fest, dass es im Buchladen kein audio-tape, kein Video noch nicht einmal ein Buch von Fritz Perls zu kaufen gab. Gordon Wheelers Buch jedoch, steht auf den Regalen und auf S.17 begründet er auch warum: "Daher besteht meine Hoffnung eigentlich darin, dass die Gestaltlehre am meisten durch dieses Buch beeinflusst werden kann." Dafür spricht man schon mal dem "Vater", den man soeben beerbt hat, jegliche Qualifikation ab.

Den meisten Staub hat die Gestaltsitzung  "Fritz Perls mit Gloria" aufgewirbelt, ein Film der 1965 für das Fernsehen gedreht worden war, zum Zwecke des Vergleichs mit der Arbeit von Albert Ellis und Carl Rogers. In der Zeitschrift "Counselor, the Magazine for Addiction Professionals, Dez. 2005, S.60-66, schreibt Howard Rosenthal (meine Übersetzung): "...die Zerstörung jedoch war angerichtet. Während der Film Angehörige des Berufsstandes nicht gerade davon überzeugte, Gestalttherapeuten zu werden, hat er doch Tausende dazu überredet, konfrontativer mit ihren Klienten zu arbeiten, entschiedener, wenn nicht aggressiver aufzutreten, das Geschehen in der Sitzung zu kontrollieren und dem Klienten auch mal etwas ins Gesicht zu sagen. Viele Berater (counselors) sahen in der Sitzung mit Gloria für sich so etwas wie einen Blankoscheck dafür, mit ihren Klienten geistiges Judo aufzuführen. Fritz Perls schien dem Durchschnitts-Kollegen grünes Licht dafür gegeben zu haben, dass er angreifen, widersprechen, kleinmachen darf, um den Klienten verbal auf Kurs zu zwingen. ...in einem Arbeitsfeld (Sucht- und Drogenberatung), in dem Konfrontation oft als Erfolgssmethode gehandelt wurde, haben die Kollegen selbstverständlich einem Vorbild die Krone aufgesetzt, von dem sie glaubten, es leite sie an feindselig, provokativ, sarkastisch, manipulativ zu sein. Für sie war Fritz Perls der König."

Befürworter schrieben:

Ruth Cohn schreibt in "Gelebte Geschichte der Psychotherapie", Stuttgart 2008 auf S.299-301, dass sie ihn 1964 auf einem Kongress wiedergetroffen habe. Er erzählte, er sei krank und dem Tode nahe gewesen. Ida Rolf habe ihm geholfen, seine Lebensenergie wiederzufinden. "Nun strahlte Fritz Weisheit, Lebensmut, Zärtlichkeit aus. Er war ein Verwandelter. Einmal sagte er zu mir: <heute weiss ich, was los ist mit der Psychotherapie, wir müssen den Patienten durch den Impass führen>."  Und auf S.304: "...Fritz` Wahrnehmungsfähigkeit war einzigartig, er erspürte die jeweilige Wichtigkeit eines physiognomischen Ausdrucks oder einer minimalen Bewegung, verbaler oder nonverbaler Zeichen seiner Patienten mit einer geschulten Intuition, die wie Hexerei anmutete. Ich wusste, dass diese Hexerei eine Kombination von Genialität, sauberen Konzepten, geschulter Intuition, lebenslangem Fleiss und ungeheurer Erfahrung war."

Aus Arnold Beisser  "Wozu brauche ich Flügel?" Wuppertal 2009, S.132, 133. Beisser leitete ein großes psychiatrisches Krankenhaus. Dort gab es, wie er erzählt, auch einige austherapierte Patienten, die unmöglich bizzarsten Fälle. Fritz Perls wollte jeden vorgeführt haben und er "erreichte bei einigen dieser therapeutisch unzugänglichen Fälle erstaunliche Ergebnisse. Im Kontakt mit ihm kamen diese Patienten in ihre beste Verfassung, so dass sie während der Gespräche mit Fritz ganz anders waren, als wir sie vorher kannten. Zum ersten Mal erschien ihr ganzes merkwürdiges Verhalten und ihr furchterregendes Sprachmuster klar verständlich. Er hatte Kontakt zu ihrer Stärke gefunden. Genau das passierte auch bei mir. Obwohl er das nie so gesagt hätte, machte er mir klar, dass ich der Architekt dessen bin wie ich meine Welt sehe, und nicht das hilflose Opfer. Ich fühlte mich durch ihn gestärkt und verstanden. Er hörte mir genau zu. Indem er meine Worte geringfügig interpretierend wiedergab, spiegelte er mir, was ich wirklich gesagt hatte. Damit wurden meine Worte in den Vordergrund gestellt und ich konnte sogar sehen, dass es Alternativen gab, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte."

Claudio Naranjo schreibt in "Gestalt, Präsenz, Gewahrsein, Verantwortung", Freiamt 1996, auf S.29  über Fritz Perls: "In seinem Denken gab es keine Trennung zwischen seinem Leben und seiner Arbeit. Das, was er <lehrte> wenn er Psychotherapeuten <ausbildete> bestand im Wesentlichen darin, dass er sie dazu brachte, sie selbst zu sein. Er vertraute darauf, dass das Sein ansteckend war und dass das für das intrinsische Erlernen der Psychotherapie ausreichend sei. Zu sein bedeutete für ihn, hier und jetzt zu sein, geistesgegenwärtig und verantwortungsvoll - das heißt, hinter all seinen Handlungen und Gefühlen zu stehen." Und auf S.276: "Als ich Fritz in Esalen kennenlernte...war er nicht mehr derselbe Fritz, den ich vorher gekannt hatte. Ich glaube, wir können sagen, dass er schon immer hochbegabt war, doch nun war die Zeit gekommen, in der sein Genie zur Blüte gelangte... Die Größe, die all diejenigen, die Fritz kannten, in der zweiten Phase seines Lebens in ihm spürten, war, glaube ich, der Ausdruck seiner Reife und nicht etwas, was in der ersten Phase seines Lebens offensichtlich gewesen wäre, so gross sein Talent auch gewesen sein mag."

Und zum Schluss Barry Stevens, "Don`t push the river", Köln 2005. Berry Stevens gehört zu den Pionieren des Lake Cowichan Experiments. Fritz Perls realisierte dort seine Idee eines Gestalt-Kibbutz. Barry schreibt auf S.67: "Er ist weicher, freundlicher, aber noch genauso scharfsinnig und entschieden. Ich habe keine Spur von Bitterkeit oder Boshaftigkeit entdeckt, dafür allerdings mehr Mitgefühl. Er scheint in allem etwas leichter geworden zu sein. <An meiner Methode muss was dran sein. Ich lerne immer noch dazu>."  Später, S.176: "Fritz ist jetzt fast die ganze Zeit über ein sehr warmherziger und freundlicher alter Gentleman. Er verbringt deutlich mehr Zeit damit, mit Leuten zu reden und zu plaudern als früher. Und er ist sehr viel geduldiger geworden."    
                                                                                                                                            
Meine Position als Lehrer für Gestalttherapie:

Fritz Perls musste den Schlamassel des ersten Weltkriegs bewältigen, des Faschismus und der Judenvertreibung, der Auseinandersetzung mit und der Ablösung von Freud, des Abschieds und der Ablösung von Süd-Afrika, des erneuten Aufbaus einer Praxis in New York, dann die Ablösung vom Gestaltinstitut New York, Aufbau von Esalen und erneute Ablösung für den letzten Schritt nach Canada. Immer wieder Schritte ins Unbekannte, Versuche, das Richtige, das für Fritz Richtige, zu tun. Immer wieder herausfinden: Wie geht das? Wie geht es diesmal? Und fast am Ende dieses gewaltigen Weges sagte er zu Barry Stevens, S.70: "Am Ende bin ich perfekt. Ich bin angekommen. Besser kann ich es nicht."
Am Ende war die Art mit Menschen zu arbeiten perfekt, so dass sie in ihrer Autonomie unterstützt wurden, dass ihre Prozesse angeschoben wurden, dass sie zu sich selbst fanden. Es ist ein Entwicklungsroman: nach beschwerlicher Schwangerschaft und heftigster Geburt, nach mühsamen Kindheits- und Jugendjahren ist sie endlich erwachsen, die Gestalttherapie. Autoren kritisieren Fritz Perls gerne für Geschehnisse, die auf dem langen Weg passiert sind, Versäumnisse, Irrungen, fehlgeschlagene Versuche. Anstatt die Perfektion am Ende des Weges zu sehen.
Wir haben den unglaublichen Vorteil, uns auf den freundlichen, warmherzigen, alten Gentleman beziehen zu können, nicht auf den kantigen, ab und zu verletzenden Wilden der frühen 60iger Jahre. Wir müssen die Härte nicht noch einmal auflegen, die Fritz brauchte, um seinem Baby in einer feindlichen Welt eine Zukunft zu sichern. Wir können einfach direkt von "der perfekten Therapie" profitieren und die enge Verbindung von Klientenzentrierter Therapie und Gestalttherapie propagieren und praktizieren, (mehr zu dieser Verbindung an anderer Stelle).                                          
Als Joshka Fischer deutscher Außenminister war, wärmten die Zeitungen immer wieder seine Frankfurter Vergangenheit auf, stellten ihn als Steine werfenden Anführer der Studentenrevolte dar, um so seine Verdienste als Minister zu schmälern. Dasselbe tun die Kritiker heute, wenn sie Fritz Perls der Fühllosigkeit beschuldigen, anstatt den Weisen zu sehen, wie er in Cowichan gearbeitet hat. Den Ausgereiften, der angekommen war, wo man alles loslässt, den Stolz, die Angeberei, den Geniekult.                                                                                                                                                                    
Welch ein Geschenk: Wir haben hier und jetzt die ausgewachsene Gans. Wer denkt da noch an die harte Schale des Eies, an die kläglichen Flugversuche des Küken. "The goose is out", sagte der Zen-Meister. Die Gans ist raus!

Nachbetrachtung:
Die Autoren und Autorinnen Barry Stevens, Ruth Cohn, Claudio Naranjo und Arnold Beisser waren ausnahmslos Schüler und Mitarbeiter von Fritz Perls. Sie haben mit ihm gearbeitet und ihn persönlich gut gekannt. Die Autoren Sreckovic, Staemmler, Bock und Gordon Wheeler sind ihm nie begegnet.

- Mirko Sreckovic, Ausbildung bei Lore Perls und später Zusammenarbeit mit ihr.
- Frank Staemmler, Jg. 1951, ist 19 Jahre alt als F.P. stirbt. Seit 1976 im Zentrum für Gestalttherapie, Würzburg
- Werner Bock, Jg. 1948, schreibt auf der Internetseite des Instituts für Gestalt und Erfahrung: "Meine ersten Berührungen mit der Gestalttherapie fanden im Jahr 1970 statt."    
- Gordon Wheeler, schloß 1967 die Schule ab, ging danach zunächst nach Deutschland, arbeitete dann pädagogisch mit Kindern und wurde erst in den 70ger Jahren am Gestaltinstitut in Cleveland ausgebildet.

- Barry Stevens, 1902-1985, war gegen Ende der Esalen-Zeit und in Cowichan mit F. P.
- Ruth Cohn, 1912-2010, war 1965 und 66 bei F. P. in der Lehre, hat ihn später vertreten. (Perls wurde als  Meister gesehen, und zu einem Meister geht man in die Lehre.)
- Claudio Naranjo, geb.1932, in den 60ger Jahren war er Lehrling bei F. P. und Mitglied der  Gestalt-community in Esalen, leitete später dort Gestaltgruppen                                                            
- Arnold Beisser, 1925 - 1991, gehört zu Fritzens frühen Schülern und war langjähriger Freund.

Freitag, 17. Juli 2015

Rogers und Perls: Die Biographien im Vergleich

                                                  Fritz und Carl –

                              eine Gegenüberstellung von Rajan Roth



Zur Einstimmung zunächst einiges aus dem Leben von Fritz Perls, denn wer seine Biografie studiert, wird vieles über die Gestalt-Idee und die Gestalttherapie erfahren. Perls’ Lebensweg und sein Lebenswerk sind nicht voneinander zu trennen. Mir präsentiert sich die Gestalttherapie immer wie die geronnene Lebenserfahrung ihres Begründers.

Das gleiche gilt auch für Carl Rogers. Wer seine Kindheit, Jugend und Studienzeit anschaut, wird auf alle wesentlichen Themen und Grundeinstellungen stoßen, die später in der klientenzentrierten Therapie ihre Ausformung und Ausformulierung fanden. 
Fritz Perls und Carl Rogers waren Zeitgenossen. Perls lebte von 1893 bis 1970, Rogers von 1902 bis 1987. Rogers ist der Jüngere, dennoch machten sie etwa gleichzeitig, um 1940, mit neuen, bahnbrechenden Therapieformen von sich reden. Jahre später, 1961, wurden sie beide Mitglieder der Amerikanischen Gesellschaft für humanistische Psychologie. (Association for Humanistic Psychology). Diese Gesellschaft war ein Forum für “viele Außenseiter und Erneuerer, Rebellen und Unzufriedene“. (Groddeck, S.141) Sehr bald wurde die Bewegung „der dritte Weg“ genannt. Die Psychoanalyse hatte als der erste Weg gegolten, die Verhaltenstherapie als der zweite, die neuen Methoden, zusammengefasst in der Humanistischen Psychotherapie, wurden diesen Vorgängern als der dritte Weg entgegengestellt. Mit einem ganzheitlichen, organismischen Konzept setzte sich der dritte Weg von den ersten beiden ab.
Rogers und Perls waren sich in den Grundüberzeugungen des dritten Weges einig: Der Mensch ist gut. Er ist bestrebt, sein Potential zu leben und zu entfalten. Selbstbestimmung ist keine Ideologie oder Idee, die wie andere Ideen kommt und geht, sie ist vielmehr eine, vom  Menschsein untrennbare innere Notwendigkeit. Alle psychischen Störungen lassen sich verstehen als Deformation des Strebens nach Entfaltung der Persönlichkeit, nach Sinnfindung und Sinngebung des eigenen Handelns, Denkens und Seins.

So viel die beiden Begründer der Gestalt- und der Gesprächstherapie gemeinsam haben, es gibt auch eine Reihe bemerkenswerter Unterschiede. In ihren Grundansichten sind sie sich sehr nahe, in der Wahl der therapeutischen Mittel hat Perls jedoch ganz andere Wege beschritten als Rogers. Hier die beiden Lebenswege und die daraus resultierenden Unterschiede:


Herkunft : Carl Rogers war Amerikaner. Er stammte aus einer wohlhabenden, gebildeten Mittelschichtfamilie, die „den traditionellen Wertvorstellungen eines konservativen Protestantismus aus der frühen Zeit der amerikanischen Siedlerbewegung“ anhing. (Groddek S.21) Carls Eltern waren überzeugt, dass allein ihre Form des christlichen Lebens richtig sei. Auf die Einhaltung der hauseigenen Gebote wurde strengstens geachtet. >Du kommst ohne Umwege nach der Schule sofort nach Hause. Es gibt keine Kontakte zu anderen Schülern oder gar Schülerinnen, das lenkt dich nur ab<. Alles Sinnliche war sündig. Der junge Carl zog sich in seine eigene Welt aus Büchern und naturwissenschaftlichen Studien zurück, aber auch das wurde bemängelt und es begann schon in der Schulzeit, was dann während des Studiums unübersehbar wurde: Carl war das schwarze Schaf der Familie Rogers.
Er fühlte sich sehr einsam und die Strenge der Eltern bedeutete für ihn, dass sie ihn nicht liebten. Er war ständig angespannt und „hatte schon mit 15 ein ausgewachsenes Magengeschwür.“ (Groddeck S. 31) Die Eltern fragten nie, was Carl möchte. Sie wussten was richtig und gut war für ihre Kinder. Als Carl während seiner Studienzeit an einer halbjährigen Chinareise teilnehmen konnte, kam er mit religionsübergreifender Toleranz, mit liberalen Gedanken und mit einem ihm bisher unbekannten Gemeinschaftsgefühl in Berührung. Als er darüber den Eltern in Briefen berichtete, warteten nach seiner Rückkehr nur Tadel und Strafe auf ihn.
Zweiundzwanzigjährig heiratete Carl seine Jugendfreundin Helen. Beide Elternhäuser waren entschieden gegen die frühe Heirat, so dass die Feier im Haus von Helens Schwester stattfand, nicht bei den Eltern. Das Paar zog gleich nach der Hochzeit nach New York. Die Distanz von den Eltern und von deren Auffassungen erlebte Rogers als Wohltat und Befreiung.
Ein Leben lang, so stellt sich mir die Biografie von Rogers dar, war er bestrebt, sich immer weiter aus der  emotionalen Kühle und der geistigen Enge seiner Familie zu befreien und, wie er selbst sagte, mit missionarischem Eifer von der heilenden Wirkung des Zuhörens und des Gehörtwerdens zu sprechen und zu schreiben – das, was ihm im Elternhaus so sehr gefehlt hat.

Herkunft: Fritz Perls war Deutscher. Seine Eltern waren aus den deutschen Ostprovinzen nach Berlin gekommen, vermutlich erst wenige Jahre vor der Geburt des dritten Kindes Friedrich Salomon, genannt Fritz. Beide Eltern gehörten der jüdischen Gemeinde an. Während die Mutter die Vorschriften des orthodoxen Judentums einhielt, sich koscher ernährte und zur Synagoge ging, war der Vater Mitglied in einer Freimaurerloge, behandelte seine Frau rüde und hatte viele Affären. Perls schreibt später in einer Kurzbiografie: „Mutter liebevoll, ehrgeizig, liebt die Kunst, hasst den Vater. Vater hasst Mutter, liebt Frauen; spielt den Grossmeister der Freimaurer, schwer und fröhlich...“
In den ersten Jahren ging es wirtschaftlich bescheiden her, aber schon 1896 konnte die Familie in eine grössere Wohnung in besserer Lage umziehen. Fritz’ Vater hatte eine Vertretung für Weine der Barone Rothschild übernommen und damit war es den Perls’ möglich, den Standard einer Mittelschichtfamilie im deutschen Kaiserreich zu leben – in wirtschaftlicher wie in Hinsicht auf die Erziehungsmethoden.
Fritz fühlte sich geliebt und bewundert bis er zehn Jahre alt war. Mit den Schulschwierigkeiten, die mit dem Wechsel auf das Mommsen-Gymnasium einhergingen, wandelte sich die liebevolle Zuwendung in Forderungen und Druck. Fritz war Mutters große Hoffnung gewesen, nun sah sie sich betrogen und glaubte, sie könne durch Schläge wieder herbeiholen, was nicht mehr war. Aber Fritz war nicht zu bändigen. Er zerbrach Mutters Teppichklopfer oder schnitt der Peitsche die Riemen ab.
Auch der Vater hatte ein sehr raues Verhältnis zum Sohn, machte ihn klein, durch abwertende Bemerkungen. „Perls teilte hier Erfahrungen mit vielen Leidensgenossen seiner Generation. Der selbstbehauptende Kampf gegen den übermächtigen, fernen und den Sohn nicht oder kaum anerkennenden Vater, verknüpfte sich mit dem Kampf gegen die kalten materialistischen Werte des Wilhelmismus, die auch der eigene Vater repräsentierte. Der Kampf gegen das verlogene Bürgertum mit seiner Doppelmoral...entwickelte sich zu einem grossen... Thema.“ (Bocian S.56)
Der enorme Druck, den die Eltern auf ihren Sohn weitergaben, resultierte aus der veränderten rechtlichen und politischen Situation der Juden im deutschen Kaiserreich. Nach der Emanzipierung standen ihnen nun fast alle Berufe offen. Um in die bürgerliche Gesellschaft aufgenommen zu werden, musste man in Schule und Hochschule überdurchschnittliche Leistungen bringen, nur dann war sozialer Aufstieg möglich. Das war die Überzeugung der Elterngeneration. Im Gymnasium machte Fritz Perls aber die Erfahrung, „dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“ (Bocian S.66) So lebte Perls immer in der Spannung zwischen seiner rebellischen Grundhaltung einerseits und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit andererseits.

Studium: Carl Rogers schrieb sich 1920 an der Universität von Wisconsin für Agrarwissenschaften ein. Noch im ersten Studienjahr wechselte er die Fachrichtung und belegte Kurse in Geschichte um sich für ein theologisches Studium vorzubereiten. 1924 graduierte er in Religionsgeschichte und nahm kurz darauf das Studium der Theologie am Union Theological Seminary in New York auf. „Es war das liberalste im ganzen Land“, wie er selbst schrieb. (Groddeck S.41) Mit dem theologischen Seminar und dem Teachers Training College der Columbia Universität gab es ein Dozentenaustauschprogramm, „so dass Rogers auch Veranstaltungen in Psychologie, Pädagogik und Psychiatrie hören konnte.“ (Groddeck S.42)
Dort lernte er bei W. H. Kilpatrick, dass „Respekt für die Person die Wurzeln der Demokratie darstellt“ und dass „wir lernen, indem wir uns verhalten“. Beides richtungsweisende Gedanken in jener Zeit und beides später wichtige Elemente der klientenzentrierten Therapie.
Als Rogers am Union Theological Seminary begann, wollte er noch Pfarrer werden. 1925 übernahm er, als ersten Schritt, eine Vertretung auf einer Pastorenstelle. Dort fand er heraus, daß er vor allem in der seelsorgerischen Arbeit noch viel lernen musste. Sein Interesse an Psychologie wuchs und in der Folge wechselte er zum Teachers College mit Hauptfach Psychologie. 1928 trat er eine Stelle in der Abteilung Kinderforschung an, wo es um die Behandlung von Problemkindern ging. 1931 erwarb er den Doktorgrad in Psychologie.
Erst in den Jahren nach 1940 begann er sich eingehend mit Psychotherapie zu befassen. In einer Rede, im Dezember 1940, er war gerade frisch gebackener Professor an der Ohio State University, sprach er über neuere Konzepte in der Psychotherapie – und genau diese Rede betrachtete Carl Rogers als die Geburtsstunde der klientenzentrierten Therapie.

Studium: Fritz Perls wechselte vom Mommsen Gymnasium, wo es Schwieirgkeiten gab, vor allem wegen der antisemitischen Haltung des Lehrkörpers, an das Askanische Gymnasium. Dort unterrichteten reformpädagogisch orientierte Lehrer. Fritz fand zu guten Schulleistungen zurück und bestand 1913 sein Abitur mit Auszeichnung.
Sich dem Wunsch seiner Familie widersetzend, studierte Perls nicht Jura sondern Medizin. Das tat er nicht aus Begeisterung, sondern er betrachtete dieses Studium als Türöffner zu „Philosophie und Physiologie“. (Perls, Lebenslauf) Fritz Perls hatte die Traumdeutung von Sigmund Freud gelesen, war davon sehr beeindruckt und fühlte sich in diese Richtung gezogen. Freud war ebenfalls Mediziner.
F. P. begann sein Medizinstudium in dem Jahr, in dem der erste Weltkrieg begann, 1914.
Er wusste, dass alle Männer seines Alters bald zum Kriegsdienst eingezogen werden würden, so meldete er sich, um nicht gleich an die Front zu kommen, als freiwilliger Soldat zum Roten Kreuz. Studium und Einsätze ließen sich anfangs wohl noch einigermaßen vereinbaren. 1915 musste er dennoch zur Grundausbildung an der Waffe einrücken und wurde, inzwischen 22jährig, einem Pionier-Bataillon als Sanitäter zugeteilt. Dazu später noch einige Sätze.
1919, ein Jahr nach Kriegsende, erlangte Fritz Perls die Approbation zum Arzt. 1921 schloss er die medizinische Ausbildung mit dem Dr.med. ab und begann als Nervenarzt zu arbeiten. Die Ausbildung zum Psychoanalytiker begann 1925  mit einer Lehranalyse bei Karen Horney und sie endete im Jahr 1933 bei Wilhelm Reich. (Bocian S.185)
1926 und 1927 arbeitete Fritz Perls als Assistenzarzt bei Kurt Goldstein in Frankfurt. Goldstein leitete das neurologische Institut und arbeitete mit Ademar Gelb zusammen, der am psychologischen Institut der Universität Frankfurt die neuen gestaltpsychologischen Ansätze vertrat. Hier lernte Perls das ganzheitlich-organismische Denken kennen. In einer Lehrveranstaltung von Gelb/Goldstein traf Fritz Perls auch seine spätere Frau Lore (Bocian S.192).
1927-28  folgte ein Jahr Assistenzzeit an der Wiener Nervenklinik. Perls war nach Wien gekommen, um nach dem ersten Abschluss seiner Lehranalyse die anderen Ausbildungsteile zu absolvieren – Theorieseminare, Kontrollanalyse und technische Seminare. Dazu schrieb er sich beim Ausbildungsinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ein. Das beanspruchte neben seiner Arzttätigkeit sehr viel Zeit, „er hatte das komplette Programm des Wiener Lehrinstituts belegt.“ (Bocian S.203)
Zurück in Berlin arbeitete er wieder als Arzt, jetzt in eigener Praxis, immer in der Hoffnung, als Psychoanalytiker Fuß fassen zu können. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft riet ihm aber noch weiter zur Lehr- und Kontrollanalyse zu gehen. Fünf Jahr später war er immer noch nicht fertig. Milan Sreckovic schreibt dazu: warum Fritz Perls noch nicht einmal fünf Jahre später, als er im Dez 1933 nach Südafrika auswanderte, „fertig und ein akkreditierter Psychoanalytiker war, wird wohl ein Rätsel bleiben.“ (Handbuch S.49)
Mehr zur Prägung von Fritz Perls erfahren wir aus dem brillanten Buch von Bernd Bocian, „Fritz Perls in Berlin 1893-1933“. Er greift vier bedeutende Einflüsse aus seiner Schul- und Studienzeit heraus, Elemente, die sein Welt- und Menschenbild betreffen und die sich später alle in der Gestalttherapie wiederfinden: 
1.      Das humanistische Bildungsideal
2.      Max Reinhardt und das expressionistische Theater
3.      Desensibilisierung und die Wiedererlangung der Sensibilität
4.      Das Hier- und Jetzt-Prinzip

° Zum humanistischen Bildungsideal nur so viel: es steht jener Betrachtungsweise aus dem Altertum, wie sie von Thomas Hobbes noch einmal zitiert wurde „der Mensch ist des Menschen Wolf“, diametral entgegen. Die Humanisten sind davon überzeugt, dass der Mensch im Grunde gut ist. Vergeht er sich gegen sich selbst oder andere, so wird das auf psychische Deformation zurückgeführt - verursacht durch äußere Einflüsse - nicht auf das Wesen. Nicht der Kern ist verdorben, sondern die Schale. In unserem innersten Kern ist ein enormer Vorrat an Möglichkeiten angelegt, den es zu entfalten gilt. Mensch werden, heißt ganz werden, heißt Reintegration abgespaltener Persönlichkeitsanteile, heißt Raum schaffen für Wachstum. So werden es später die Mitglieder der Vereinigung für humanistische Psychotherapie formulieren.

° Perls liebte das Theater. Nicht die Illusion, die auf der Bühne entstehen kann, faszinierte ihn, sondern gerade das Gegenteil: das Abbild der Wirklichkeit. Die Wilhelminische Gesellschaft, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit Nationalismus und Kolonialismus beschäftigt, ist die Gesellschaft der Masken. Das wahre Gesicht traut sich nur der Schauspieler zu zeigen und er zeigt es in diesen ersten beiden Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts wie nie zuvor. Das neue Schauspiel sucht den Ausdruck, die Expression. Vorreiter des Expressionistischen Theaters ist Max Reinhardt. In der Oberstufe des Gymnasiums spielte Perls schon als Statist bei Max Reinhardt, als Student bekam er gelegentlich kleine Rollen. Seine Medizinerkollegen sollen später von ihm gesagt haben, er sei mehr auf den Dachböden der Berliner Bohème zu finden, bei den Künstlern und Lebenskünstlern als in der Klinik.
Max Reinhardt brachte völlig neue, revolutionäre Inszenierungen ins Berliner Theater. Seine Regie war gnadenlos, seine Stücke polarisierten, er löste hier Empörung aus, erntete dort höchstes Lob. Das alte Theater hatte Bühnencharaktere festgelegt, in sogenannten Rollenfächern. Die hießen zum Beispiel jugendlicher Held oder jugendlicher Liebhaber, Intrigant oder Naturbursche, Königinnenmutter oder Heldenvater etc.. jede Figur konnte sich nur in einem festgelegten darstellerischen Rahmen von Mimik, Gestik und Tonfall bewegen. Wer sich nicht in diesem Rahemn zwängen wollte, hatte auf der klassischen Bühne nichts verloren. Reinhardt dagegen forderte, dass die Schauspieler die Figuren auf der Bühne beseelen. Wer einen König, Liebhaber, Krieger darstellt, soll Zugang zu seinem inneren König, Liebhaber, Krieger nehmen. Nur ein Schauspieler, der die Rolle mit seiner eigenen Erfahrung, mit seinem persönlichen Erleben füllen konnte, würde die Zuschauer berühren. Das expressionistische Theater ließ die Tiefen menschlichen Empfindens lebendig werden, Schmerz, Liebe, Wut. Das Zögern, die Zweifel, die Pein sollten jeden Abend auf der Bühne neu entstehen und das konnten sie nur, wenn der Schauspieler in der Königsrolle den eigenen inneren König aufscheinen ließ. Wer den König in sich nicht finden konnte, sollte er eine andere Rolle spielen, vielleicht den Bettler, weil er gerade jetzt mit seiner eigenen Bedürftigkeit und seiner inneren Armut beschäftigt ist. 
Authentizität (wie sie bei Carl Rogers auch wieder auftaucht) war bei Reinhardt ein großer Anspruch. Die kaiserliche Gesellschaft hatte keinen Platz dafür. Die Geschehnisse des Krieges waren aber gerade dabei die Werte der bürgerlichen Gesellschaft umzukrempeln und so gab es zunehmend mehr kritisch denkende Zeitgenossen, die den Expressionismus als wahrer, echter, ehrlicher stürmisch begrüßten. Zu ihnen gehörte auch Fritz Perls.
Wir werden im Folgenden sehen, wie sich der Einfluss des neuen Theaters in der Gestalttherapie wiederfindet.

°  Wie oben schon erwähnt, hat Perls den ersten Weltkrieg mitgemacht. Bocian schreibt "Wer einen so langen Zeitraum wie Perls an der Front verbracht hat, wird chronisch traumatisiert nach Hause gekommen sein.“ (S.113) Eine der Erscheinungsformen des Kriegstraumas ist die Desensitivierung. Die Überbelastung durch fortgesetzte grausam visuelle und akustische Eindrücke hat die Soldaten dazu gebracht, ihre Gefühle abzuschalten. Auch Perls beobachtete seelische Verhärtung und Panzerung an sich selbst. Er „hat im Laufe seiner langjährigen psychoanalytischen Ausbildung versucht, Erlösung für diese Probleme zu finden“. (S.114) Seine ersten Analytiker konnten ihn nicht erreichen. Erst in der Lehranalyse bei Wilhelm Reich fand Perls jemanden, der zu ihm durchdrang: Wieder fühlen heißt, wieder lebendig sein. Perls sagte später am Ende einer Sitzung gelegentlich: Fühlst du dich jetzt ein bisschen lebendiger? Er wusste, wovon er sprach.

° Fritz Perls war also ein aufgewühlter und aufwühlender Mensch. Er hatte, wie seine Frau sagte, aus dem ersten Weltkrieg einen schneidenden Zynismus mit nach Hause gebracht und kämpfte über die Jahre immer wieder mit Depressionen. Andererseits hatte er durchaus Augen für die Schönheit der Welt. Er war lebenshungrig, fühlte sich zur Kreativität hingezogen, wo sich enges, bürgerliches Denken transformieren oder einfach ablegen ließ. Er selbst nannte sich, wegen seiner Zuneigung zum Dadaismus, den "ersten Gestaltdada". Dieser Widerspruch zwischen Zynismus und Hingabe an eine bezaubernde Welt konnte nur durch eine Haltung überbrückt werden, in der beides Platz hatte: durch das Hier- und Jetzt-Prinzip. Was vergangen ist, ist vergangen, was kommen wird, wissen wir nicht. Das einzig Wirkliche ist der gegenwärtige Augenblick.

1916 war Perls in den ersten Frontgraben verlegt worden. Angriff mit Giftgas-Minen. Die britischen Einheiten antworteten mit Trommelfeuer. „Zwei Stunden der Hölle...“ wie er selbst schrieb. „Auf dem Rückmarsch ein erstaunlich schöner Sonnenaufgang. Ich fühlte die Gegenwart Gottes. Oder war es Dankbarkeit oder der Kontrast zwischen dem Geschützfeuer und der heiteren Stille? Wer weiß.“ (Bocian, S.104) Du kannst den Sonnenaufgang mitten im Krieg nicht  wie eine Offenbarung erleben, wenn du noch am Vorhergehenden klebst. Nur wenn du ganz im Augenblick bist, kannst du ihn geniessen – egal was er bringt.

Rogers und Perls, zwei Giganten. Rogers, ist der Mann, der einerseits größten Respekt vor der Eigenart und Eigenständigkeit des Individuums hatte und der andererseits eine wissenschaftliche Herangehensweise liebte, in der Präszision und Nachvollziehbarkeit des eigenen Handelns wichtig ist. Er entwickelte aus der Achtung vor den Menschen und aus Verpflichtung gegenüber der Wissenschaft den kontrollierten Dialog. Faszinierend, seine sparsame Art, sein Verzicht auf Selbstdarstellung. Wir sehen, wie der Therapeut sich ganz weit zurücknimmt, wie ein Vakuum entsteht. Der Klient ist eingeladen, dieses Vakuum selbst zu füllen. Wenn der Klient seine Erwartungen auf den Therapeuten richtet und der ihm in jenen langen Gesprächspausen, die durchaus entstehen können, nur Stille und intensionslosen Raum anbietet, dann wird er unweigerlich irgendwann aus seinen eigenen Tiefen Antworten und Lösungen hervorbringen.

Klientenzentrierte Therapie hat sehr viel mit Disziplin zu tun. Nicht mit Gehorsam, nicht mit Unterwerfung unter fremde Befehle, sondern mit Bescheidung. Eine Disziplin, die von innen kommt. Eine Disziplin, die das Therapeuten-Ego meistert, das unablässig eingreifen, die Dinge richten, verändern und besser machen will. Die Zurückhaltung, das Sparsame, die Therapie der kleinen Schritte, wie Rogers sie selbst nannte, das ist klientenzentrierte Therapie. Es ist das Nicht-Tun, das doch keine Passivität ist. Ohne Präsenz und ohne Empathie ist schweigsames Dasitzen hohl und impotent. Eine Zurückhaltung, die nicht macht, sondern geschehen lässt. Ein tuendes Nicht-Tun. „Wei wu wei“, wie es im Tao heißt. Rogers soll Laotse zitiert haben, „je weniger ich den Menschen beeinflusse, um so mehr kann er er selbst werden.“

Ganz anders präsentiert sich Fritz Perls. Das Leben geht nicht mit Samthandschuhen mit dir um - nicht im Giftgas Krieg, nicht im feindlichen Trommelfeuer und nicht, wenn du das Pech hast, der Jude zu sein, in einer Gesellschaft, die beschlossen hat, sich selbst zu überhöhen, indem sie dich erniedrigt. Warum sollte der Therapeut also zimperlich sein, eine heile Welt erschaffen, die es da draußen doch nicht gibt? Das Leben ist nicht nur Stille und Geschehenlassen, es ist auch laut und wild und aggressiv. Aggression im Sinne von aktiv auf das Leben zugehen, das ist ein Grundzug, ohne den das Leben längst aufgehört hätte zu existieren. Lebewesen haben den Impuls, sich durchzusetzen, sich zu behaupten, nicht zu verhungern, nicht zu sterben.
Lebende Organismen erscheinen bei Fritz Perls als Energiekugeln, die dafür geschaffen sind, zu sprühen, zu funkeln, sich zu bewegen und die Existenz zu bereichern - durch ihr pures Dasein.
Fritz ist nicht zimperlich. Er brüskiert seine Klienten, er fordert sie auf, Dinge zu tun und Schritte zu gehen, die sie bisher vermieden haben. Der Perls-Schüler Toni Horn, den ich selbst in Gestaltgruppen erlebt habe, forderte einen Teilnehmer auf: „Du hast von einem räudigen Hund geträumt, der jedem ans Bein pisst? Ok., steh auf, geh zu jedem Gruppenteilnehmer, piss ihm verbal ans Bein. Du weißt, wie man jemanden verbal anpisst? Also, sei der räudige Hund und dann sag uns, was du dabei erlebst.“
Perls` Sitzungen sprühten von Einfallsreichtum, von unvorhersehbaren Interventionen. Es fragt sich immer wieder, wo nimmt er das her? Das ist der Schauspieler, der Theatermensch. Das ist der Dadaist, der erlebt hat, dass Leben nicht logisch ist, dass die Psyche nicht wie Arithmetik funktioniert, vielmehr ist es das Unberechenbare selbst, das Unerklärliche, das Sprunghafte, das Wechselhafte. Leben ist Veränderung.
Wenn Rogers die Stille des Universums repräsentiert und seine Sitzungen den Schritt Gottes hörbar machen, dann lässt Fritz Perls in seiner Arbeit die Lust der Schöpfung am Schöpfen sichtbar werden. Der Schöpfungsakt war nicht nach 6 Tagen abgeschlossen, er hat nie aufgehört. Das Universum ist Kreativität, es ist dynamisch, es ist lebendig. Das ist der Kern  der Gestaltarbeit  von Fritz Perls. Leben ist wertvoll, bewusstes Leben ist der höchste Wert, den es gibt. Und das Leben passiert immer im Hier und Jetzt und nirgendwo anders.

Noch einmal kurz:
Fritz Perls und Carl Rogers stehen beide für die Entfaltung der Persönlichkeit
Carl mit Disziplin, clientcentered Therapy, die Stunde des Klienten, Haltung des Therapeuten,
Achtung und Wertschätzung des anderen, mit Einfühlung und Selbstexploration.
Fritz mit Wiederentdeckung der Kreativität, Wiederbelebung des Selbst, Wiedergewinnung der Lebendigkeit.


Zitierte Literatur
Handbuch der Gestalttherapie. Hrsg. Reinhard Fuhr u.a. Göttingen, 2001
Groddeck, Norbert: C.Rogers, Wegbereiter der modernen Psychotherapie. Darmstadt, 2002
Bocian, Bernd: Fritz Perls in Berlin 1893-1933. Wuppertal, 2007

Donnerstag, 16. Juli 2015

Gruppe, eine Lebensaufgabe

Solange ich in meiner Klause sein konnte; war alles gut. Gut? Was sage ich? Alles war easy, alles ging leicht, ich war im Einklang mit Himmel und Erde und mir.

Tatsächlich war die Klause eine von fünf palmblattgedeckten Lehmhütten, die hier für Besucher gebaut worden waren. Es gab eine Pritsche zum Schlafen, einen Tisch und einen Meditationssitz draußen unter dem vorgezogenen Dach. Die Naturtoilette befand sich einige Dutzend Meter weiter seitwärts auf dem ausgedehnten Gelände des Ashrams. Frischwasser zum Waschen und Trinken gab es weiter oben, dort wo sich Quellwasser in einem Steintrog sammelte.

Ich stand mit der Sonne auf, drehte eine grosse Joggingrunde. Dann waschen an der Quelle, danach die erste Tasse Tee. Anschließend eine Stunde stilles Sitzen, eine Viertelstunde bewusstes Gehen und wieder Sitzen, bis das Mittagessen gebracht wurde. Vegetarische Kost, und obwohl indisch, nur mild gewürzt. Sie stellten das Essen auf den Tisch unter dem Vordach, gesprochen wurde nichts. Am Nachmittag derselbe Rhythmus: Sitzen, schweigen, gehen, schweigen, sitzen. Es gab eine längere Mittagspause wegen der Hitze, und von Tag zu Tag wurde das Sitzen leichter und das Denken langsamer. Meine Gliederschmerzen verschwanden nach und nach. Es gab Augenblicke von Einssein mit allem, Momente tiefer Stille. Das Zeitgefühl kam mir abhanden und ohne meinen Stundenwecker hätte ich nicht gewusst, wann es Zeit ist vom Sitzen zum Gehen zu wechseln.

Eines Tages, als der Helfer wieder das Mittagessen brachte, machte der Mann zu meiner großen Überraschung den Mund auf und sprach: „This is the last day of your retreat Swami tonight you please come to communal canteen for dinner.“ Dann ging er gemessenen Schrittes unter den alten Bäumen davon, Richtung Haupthaus. Und damit endeten auch peace and happyness.

Ich musste mich wieder mit allen anderen Ashramarbeitern und Gästen in langen Schlangen zum Essen anstellen. Am nächsten Morgen wurde mir, wie allen anderen Besuchern hier, eine Arbeit zugewiesen und da dachte ich noch: das machst du easy, du bleibst ganz bei dir, du lässt dich aus dieser wunderbaren Ruhe nicht rausbringen.

Sie teilten mich zur Gartenarbeit ein. Unterwegs, zwischen zwei Tätigkeiten, drängelte hinter mir ein Helfer mit einer Schubkarre. Als ich nicht sogleich ausweichen wollte, rammte er mir den kantigen Schutzbügel  des  Schubkarrenrades in die Ferse. Ich jaulte auf, schnellte zu ihm herum, war bereits auf dem Siedepunkt. Da sagte der Aushilfsgärtner nur ganz trocken: “Watch your anger Swami.“ Nicht nur meine Gelassenheit war dahin, ich konnte noch nicht einmal meinem Ärger Luft machen. Ich stand da, paralysiert, während er weiter seiner Arbeit nachging. Für Stunden konnte ich nicht aufhören mir den Kopf darüber zu zerbrechen was ich passenderweise hätte sagen können und dass es doch auf jeden Fall eine bodenlose Unachtsamkeit war mich zu rammen und ich konnte gar nicht aufhören mich darüber zu empören, dass mich jemand aus Unachtsamkeit verletzt und dann Achtsamkeit von mir gefordert hatte.

Was ich sagen will ist: Solange wir im stillen Kämmerlein sitzen, lesend, schreibend, Musik machend oder einfach schweigend, solange ist das Leben ein Geschenk und voller Wunder. Aber dann kommt der Hunger angekrochen und dann kommen alle möglichen anderen Bedürfnisse und Wünsche aus deinen Tiefen, die du dir nicht selbst erfüllen kannst und dann musst du deine Isoliertheit verlassen und raus gehen und Kontakt machen und genau dann fangen die Probleme an.

Die Rückkehr in den Alltag des indischen Ashrams zeigte mir, wie ungenügend meine sozialen Fähigkeiten ausgebildet waren. Niemand hatte mir wirklich beigebracht, wie das geht: bei mir selbst zu bleiben, wenn ich mit anderen bin. Ich wusste nur, wie man bei sich ist, in den eigenen vier Wänden oder wie man außer sich ist, wenn man sich in Gesellschaft bewegt. Es kann doch nicht sein, dass ich mich permanent verleugnen muss, wenn ich in Beziehung gehe…
…und dann verlässt man den Ort seines Rückzugs, weil man Lust auf Freunde hat und schon fliegt einem das Leben wieder um die Ohren.


Wie geht Zusammenleben? Wie können wir so miteinander umgehen, dass es jedem dabei gut geht? Das ist eine Frage, die mich beschäftigt, seit ich denken kann. Und ich habe ein Berufsleben damit verbracht, Antworten auf diese Frage zu finden.

wir haben uns ein Lehrvideo angeschaut
So vieles lässt sich in organisierten Gruppen lernen. Ausbildungsgruppen, Selbsterfahrungsgruppen, Therapiegruppen, Wohngruppen, Arbeitsgruppen, Jugendgruppen, Selbsthilfegruppen, Reisegruppen, Meditationsgruppen, Tanzgruppen, Singgruppen, Sportgruppen. Über kurz oder lang kommt immer das soziale Thema zur Sprache und dann fragt sich: Wie wollen wir miteinander umgehen? Die organisierte Gruppe kann vor allem deshalb für jeden Teilnehmer zur Wachstumschance werden, weil die Gruppenmitglieder sich in einer Art Aquarium befinden, nicht im offenen Meer.
In einem überschaubaren sozialen Raum, in dem nur eine begrenzte Anzahl von Faktoren das Zusammenleben bestimmen, lässt sich das Miteinander viel eher einüben als auf freier Wildbahn. In jeder neuen Gruppe finden sich wieder neue Antworten auf die alte Frage nach Kommunikation und Kooperation.
Genau darum liebe ich es Gruppen zu leiten oder besser, Gruppen zu begleiten seit mittlerweile 55 Jahren. Es ist jedes Mal ein bisschen anders und es ist immer wieder etwas dabei, was ich so noch nie gesehen, nie gehört, nie erlebt habe.

Rajan Roth
http://www.the-gap.info/
http://huma-ausbildung.de/

Mittwoch, 15. Juli 2015

Fritz Perls, die Erfahrung der Leere und weshalb wir unser Training "Living the Gestalt " nennen


Von Dr. Rajan Roth

Das Therapieverständnis von Fritz Perls hat sich im Laufe seines Lebens mehrmals verändert. Obwohl er schon in den 20er Jahren den Philosophen und Künstlern näher stand als den Ärzten, war seine Sicht auf den Menschen am Beginn seiner beruflichen Karriere eher am schulmedizinischen Denken orientiert.


Fritz Perls arbeitete als Psychiater und Neurologe und wurde erst im Verlaufe seiner eigenen Psychoanalyse mit dem Freudschen Denk- und Sprachgebrauch vertraut. Auch Freud war Mediziner und so war es für Fritz Perls eine deutliche Befreiung, als er sich nach 1936 von der Freudschen Lehrmeinung lösen und seinen eigenen Weg gehen konnte.
Vor 1940 beabsichtigte er durch seine Veröffentlichung "Das Ich, der Hunger und die Aggression" die Psychoanalyse zu verbessern und zu bereichern. Nach dem Erscheinen des Buches wurde deutlich, dass er sich ganz von ihr abwenden musste. Es entstand eine neue, eigene Therapieform, die ab 1950 Gestalttherapie hieß.

Die drei Begründer der Gestalttherapie, Fritz und Lore Perls und Paul Goodman, arbeiteten in den frühen 50er Jahren im neugegründeten Gestaltinstitut in New York zusammen. Als Fritz Perls aber 1956 New York verließ und über Florida schließlich nach Kalifornien zog, schlug er auch in seiner gestalttherapeutischen Arbeit eine eigene Richtung ein. In den letzten Jahren seines Lebens hatte sich die Gestalttherapie zu etwas entwickelt, was einer Lebensschule näher kam als einer Psychotherapie. Auch in Bezug auf die Neurose entwickelte Fritz Perls neue, von Freuds Lehre abweichende Ideen. Die Neurose war seiner Meinung nach eine Kulturerscheinung, von der niemand ganz frei war, Freud nicht, Jung nicht, Reich und Adler nicht und natürlich auch Fritz Perls selbst nicht. Neurose war in Perls` Augen eine Wachstumsstörung, keine Krankheit.

Es ging Perls nicht um Therapie im Sinne der Heilung Kranker. Es ging ihm vielmehr um die Wiederbelebung des Selbst, wie der Untertitel des Standardwerks „Gestalttherapie“ heißt. Demgemäß betrachtete er einen Gestalttherapeuten, der seinen Patienten nur hilft Ziele zu erreichen, erfolgreich zu sein, wieder lebensfähig zu sein, als eindimensional. Das Besondere an der Gestalttherapie war aber von Anfang an, dass sie auf Ausdehnung ausgelegt war, auf Wahrnehmungserweiterung, auf das Erlauben von Mehrdimensionalität. Das zeigte sich immer wenn Perls von der fruchtbaren Stille sprach, oder von der Notwendigkeit, Verwirrung ernst zu nehmen, sie nicht zu übergehen, oder wenn er auf den erweiterten Bewusstseinszustand der Erleuchtung hinwies. 

Fritz Perls lag also nicht in erster Linie daran, Patienten bei der Lösung von Problemen zu assistieren. Ihm lag daran, dass der Teilnehmer nach der Sitzung sich etwas lebendiger fühlte. „Now you are a little bit more alive“, sagte er dann schmunzelnd. Und es ging ihm um ein inneres Erhellen. Er nannte es „a Mini-Satori, a small awakening“, ein kleiner Aufbruch in das Bewusstsein eines Erwachten, eines Erleuchteten. Deshalb kann „The Gestalt“ nur gelebt, nicht auf den Technikbegriff Therapie reduziert werden. Deshalb nennen wir unsere Arbeit „Living the Gestalt“.

Gestalt leben heißt, etwas Komplettes, Ungeteiltes, in sich Ganzes leben. Und obwohl es ganz ist, ist es doch nie fertig. Es darf sich in jedem Augenblick ändern, sich ausfalten, einfalten, sich zeigen, verbergen, explodieren, implodieren. „Gestalt“ bedeutet „ganz“.
Von einer Gestalt sprechen wir, wenn wir die Form erkennen und sie auch benennen können: Die Gasse abwärts konnte ich die Gestalt eines alten Menschen erkennen; etwas zeichnete sich gegen den Himmel ab wie eine Burg mit Zinnen, Türmen und Fahnen; ich sah etwas, etwa so groß und geformt wie eine Birne... Der alte Mensch, die Burg, die Birne sind geschlossene Gestalten, sie sind so weit komplett, dass ich sie benennen kann. Solange ich in die Gasse schaue und nur etwas vorbeihuschen sehe, kann ich nicht von einer Gestalt sprechen. Es bleibt im Vorfeld des Erkennens und es bleibt eine Verunsicherung zurück: muss ich mich fürchten, muss ich mich schützen, wie verhalte ich mich angemessen?

Fritz Perls verwendete den Begriff Gestalt, der aus der Gestaltpsychologie stammte, sehr weit gefasst. Für ihn hinterließ jedes Erlebnis einen Abdruck in unserer Psyche. Ist dieser Abdruck unvollständig, macht es uns unruhig. Unsere Psyche wünscht das Bild zu vollenden. Unser Innerstes drängt darauf das Erlebnis zu einem Abschluss zu bringen, damit unsere Energie, unsere Aufmerksamkeit nicht mehr in der Vergangenheit, nicht mehr am Unfertigen gebunden, sondern frei ist zur Bewältigung des gegenwärtigen Augenblicks.
Unfertige Formen schieben sich aus unserer inneren Ablage nach vorne und werden dann, unter günstigen Umständen, in Träumen oder in veränderter Realität oder durch Therapiesitzungen sich immer weiter komplettieren, bis alles beisammen ist. Und wenn es ganz ist, dann sprechen wir von Gestalt.

Fritz Perls hatte einen Weg gefunden, Menschen beim Schließen von unfertigen Formen, beim Komplettieren von inneren Gestalten zu assistieren. Sein Weg hieß: Hinschauen, Anschauen, gelten lassen – mal schonungslos, mal schmunzelnd. Dabei fand er auch heraus, dass Klienten hinschauten und hinschauten und es immer wieder passierte, dass sie plötzlich gar nichts mehr sahen. Da kam Nebel, Verwirrung. Da war oft nur noch Leere. Perls lernte, dies die "fruchtbare Leere" zu nennen und er lernte, dass sie durchschritten, durchlebt, erlebt werden musste. Nur wenn diese Leere eintrat, und war es noch so kurz, konnten sich die losen Enden in uns, die sich seit Jahren trotz vieler Versuche nicht hatten zu einem Ganzen fügen wollen, plötzlich und oft entgegen jeder Logik neu ordnen zu einem sinnvollen Ganzen. 


Niemand weiß, was in dem Reich der Leere genau passiert. Eine neue Ordnung aber, finden die Bruchstücke in uns nur, wenn die Leere, einige Atemzüge lang, das innere Feld übernehmen kann, wenn kein Verstand, keine Vernunft, keine Absicht und kein Wollen sich einmischt. Neuordnung, so fand Perls heraus, ereignet sich nur, wenn du den Dingen erlaubst, ihre alte Ordnung zu verlassen. Bei klarem Verstand würdest du das aber niemals erlauben, deshalb wird uns ein gütiger Nebel, ein klärendes Nichts geschickt – wenn du von dort wieder zurückkehrst, kannst du nicht mehr verstehen, weshalb du noch vor zehn Minuten so verzweifelt warst.

Die Erfahrung der Leere und ihrer alles enthaltenden und tragenden Bedeutung ist der gedankliche Ort, an dem die Idee der Ganzheit neu gefasst werden muss. Vertreter neuer therapeutischer, spiritueller, philosophischer und naturwissenschaftlicher Richtungen treffen sich genau an diesem Ort. Die Erkenntnis lautet: Alles, was Form angenommen hat, kommt aus der Leere. Die Dimension, aus der alles kommt wird jedoch nur deshalb Leere genannt weil sie nichts enthält, was wir mit uns bekannten Messgeräten erfassen können. Tatsächlich ist die sogenannte Leere die schöpferische Fülle schlechthin, nur, noch gibt es keine Schwingung, keine energetische Vibration, die irgendwie wahrnehmbar wäre. Die Annäherungen an diese schöpferische Leere sind sehr unterschiedlich und entsprechend verschieden sind auch die Begriffe:
CranioSakral-Therapie: Stillpoint
Frank Kinslow in seinem Buch Quantenheilung: Reines Bewusstsein
Stanislaw Grof in „Welt der Psyche“: Das Transpersonale
David Bohm in seiner Quantenmechanik: Quantenraum
Der Theologe Paul Tillich: Der Grund des Seins
Der indische Mystiker Osho: The oneness
Eckart Tolle in seinem Buch „Jetzt“: Die Stille.

Salomon Friedlaender, "mein erster Guru", wie Fritz Perls ihn nannte, schrieb in seinem Hauptwerk  "Schöpferische Indifferenz", (Herrsching, 2009) in einem erweiterten Begriff von Ganzheit reiche es nicht aus zu sagen, wir führen Körper, Geist und Seele wieder zusammen, oder, wir integrieren abgespaltene Persönlichkeitsanteile um wieder ganz zu werden. Es reiche zudem nicht aus zu sagen, es gehe darum, das Individuum als ganz und unteilbar zu erleben, denn all diese Gedanken rufen den Eindruck auf, nun sei das Individuum ganz, wir seien am Ziel und außerdem gebe es das universelle Bewusstsein. Mithin ist doch wieder eine Zweiheit da, eine Trennung zwischen dem Individuum hier und dem universellen Bewusstsein dort. Einheit ist erst gegeben, wenn die direkte Erfahrung passiert: Wir sind Bewusstsein. Oder: Wir sind Erscheinungsformen des universellen Bewusstseins.

Das heißt, es gibt nichts anderes als Bewusstsein und dieses Bewusstsein trägt in sich die Potenz zu jeder erdenklichen Erscheinung. Im reinen Bewusstsein, im Quantenfeld, beginnt sich etwas zu ordnen und sobald es seine Ordnung gefunden hat, tritt es hervor als Schwingung. Wenn die Schwingungen langsamer werden nehmen sie Form an als Apfel, Berg, Pferd oder Mensch. Die Gestalt schließen heißt, Ganzheit erfahren und das ist auf seiner endgültig untersten (oder obersten) Stufe die Erfahrung, dass wir Bewusstseins sind, dass wir nie davon getrennt waren und auch nie davon getrennt sein werden.
Fritz Perls beobachtete mit Präzision und Hellsicht, wie wir die Illusion der Getrenntheit ablegen und eintreten können in das Nullreich – die Leere, die zugleich alles enthält was ist. Und er nannte diese Arbeit Gestalttherapie.