Donnerstag, 6. Juli 2017

Wird leicht übersehen: Der soziale Ort eines Klienten


Alwin S. kam im Sommer 2015 zu mir, in einer Lebenskrise, wie er es selbst nannte. Seine Freundin hatte ihn vor kurzem verlassen. Auf der Arbeit gab es nur Stress und nach der Trennung wollte er sich eine neue, kleinere Wohnung  suchen. Diesen Zustandsbericht zu erarbeiten, nahm die gesamte erste Stunde in Anspruch. Am Ende der Sitzung war deutlich: Alwin erlebte dasselbe wie die überwiegende Mehrzahl aller Menschen, die sich in einer Lebenskrise befinden. Es stimmte in drei grundlegenden Bereichen nicht mehr: Beruf, Beziehung, Wohnung.

„Mein Ding mit den Frauen nervt mich total. Vor sechs Jahren bin ich nach fünfjähriger Ehe geschieden worden. Seitdem hatte ich drei oder vier Beziehungen, weiß gar nicht mehr genau. Ich scheine die Richtige einfach nicht zu finden. Oder vielleicht liegt es ja an mir selbst. Ich glaube ich bin beziehungsunfähig.“  

Diese Befürchtung oder diese Überzeugung bestimmte die Arbeit in den folgenden Sitzungen. Die Mutterbeziehung kam ins Bild. Erwartungen mussten geklärt werden. Was wollte er von seiner Lebenspartnerin und was forderte er von sich selbst? Unter anderem konnte er ein Muster entdecken, nach welchem er eine neue Partnerin anfangs direkt in den Himmel hob. Seine Phantasie machte aus ihr die Langersehnte, die Einmalige, die Ausnahmefrau. War der erste Zucker aber abgegessen, fand er heraus, dass die Geliebte seinen Phantasien nicht entsprach und dann fing er an, sie dafür zu bestrafen. Das war seine Art, die Beziehung zu demontieren und so schien er es immer wieder zu machen.

Eine zweite große Überzeugung, die überprüft werden musste, betraf den Beruf. „Ich hab keine Arbeitsmoral mehr“, lamentierte Alwin. „Früher hab ich gerne und freiwillig Überzeit gearbeitet. Jetzt schlepp´ ich mich nur noch in die Firma. Ich habe alle Lust an meiner Tätigkeit verloren und wünsche mir nur noch den Feierabend herbei. Sobald  mein Abteilungsleiter auftaucht, ist es, als tritt mir jemand in den Magen. Er treibt mich noch zum Wahnsinn. Nichts kann ich ihm recht machen. Wie ich mich auch anstrenge, er nimmt mich nicht wahr.“

Um dieses Spannungsverhältnis anschaulich zu machen wollte ich, dass Alwin ein Gespräch mit seinem Chef spielt und versucht, ihm all das zu sagen, was er immer zurückgehalten hatte. Es dauerte nicht lange bis klar wurde, hier steht nicht ein Mitarbeiter vor seinem Chef, sondern ein kleiner Junge vor seinem Vater. Wir nahmen den Rollentausch vor. An die Stelle des Chefs trat der Vater. In der weiteren Arbeit  zeigte sich, dass er es dem Vater immer hatte recht machen wollen. Er hatte alles getan um die Aufmerksamkeit und Achtung des Vaters zu gewinnen, hatte den Vater aber als abweisend und am eigenen Sohn uninteressiert erlebt.

Er wollte geliebt werden und erlebte immer wieder, dass all seine Bemühungen fruchtlos blieben. Wie Alwin so vor mir saß, bestand kein Zweifel, er wollte noch immer vom Vater geliebt werden. Eine klassische, offene Gestalt also, um deren Schließung sich Alwins System in jeder neuen Lebenssituation bemühte, die der unerledigten Beziehung  irgendwie ähnlich war. In seiner Wahrnehmung hatte ihn der Abteilungsleiter zuerst angefüttert und ihn damit zu Höchstleistungen angespornt, ihn dann aber wegen eines neuen Mitarbeiters fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.  

Nach einem Jahr gemeinsamer Arbeit berichtete Alwin, dass sich aktuell eine neue Beziehung anbahnte. Er hatte begonnen mit einer Kollegin auszugehen, die er schon seit langem kannte. „Ich sehe sie jetzt mit ganz anderen Augen“, meinte er. Außerdem beobachtete er, dass er diesmal nicht mit allen Vieren voran in die neue Beziehung sprang, wie das früher sein Muster gewesen war und er staunte selbst darüber, dass er der Beziehung Raum gab, so dass sie sich in ihrer eigenen Dynamik entwickeln konnte.

Auch in der Firma hatte sich etwas Neues ergeben. Durch einen Personalwechsel  sah sich Alwin mit einem jüngeren Gruppenleiter konfrontiert, der dem Vater völlig unähnlich war, Ihm kam es jedenfalls so vor, als sei es ihm damit leicht gemacht worden, seine Projektionen bei sich zu behalten.

Als eine neue Wohnung  in Aussicht stand, hatten die Bereiche Beziehung, Beruf, Wohnung  neue Formen angenommen. Alles schien geregelt. Alwin fühlte sich wie „auf zu neuen Ufern“. Während der nächsten Wochen hörte ich nichts von ihm. Anfang November bat er erneut um einen Termin.

„In so vielen Bereichen meines Lebens ist es jetzt um Klassen besser, als es noch vor einem Jahr war. Aber ich bemerke, wie sich in jüngster Zeit eine Stimmung anbahnt, die, wenn sie ganz entfaltet sein wird, nicht mehr sprudelt, sondern nur noch tröpfelt und ich kann es mir nicht erklären.“
„Als ob dir jemand oder etwas alle Energie abzieht?“
„Nein, es ist eher wie ein ungestilltes Bedürfnis. Etwas, wie ein seit langem unterschwellig existierender Mangel, der mir zunehmend bewusster wird, je weniger andere Probleme ich habe.“
„Ein seit langem ungestilltes Bedürfnis?“
„Ja, vielleicht eher so etwas wie: Ich gehöre nirgendwo dazu. So etwas Heimatloses.“
„Kein Zuhause?“
„Wow, darauf reagiere ich ganz stark. Sehen Sie, die Haare sträuben sich auf meinen Unterarmen. Gänsehaut überall. Kein Zuhause. Nicht im Betrieb, nicht bei meiner neuen Freundin, nicht in meiner eigenen Wohnung.“
„Geht es um Sicherheit?“
„Eher ein Gefühl von Geborgenheit. Ich will mich aufgehoben, erwünscht, zugehörig fühlen.“.
Es stellte sich heraus, dass der Vater Bergmann war. „Die Bergleute hatten einen starken Zusammenhalt. Diese Männer besaßen ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Mein Vater war Bergmann, mein Großvater war Bergmann. Die Brüder meines Vaters arbeiteten unter Tage und alle lebten und arbeiteten in dem Bewusstsein, dass sie die Energie bereitstellten für jedes zweite Rad, das sich in Deutschland drehte. Mit Kohle wurde Strom erzeugt, mit Kohle wurde Erz geschmolzen. Kohle machte die Fabrikschlote rauchen. Der Stand der Bergleute war sich seiner gesellschaftlichen Bedeutung bewusst. Man konnte stolz sein ein Bergmann zu sein. Die Mutter und die Großmutter verstanden sich als Bergmannsfrauen. Man lebte in der Bergmannssiedlung. Es gab eine eigene Kranken- und Altersversorgung und überall wurden Freizeitheime für die Wochenendgestaltung  kollektiv betrieben.“
„Und du bist nicht Bergmann geworden?“
“Jung, sagte mein Vater, du sollst nicht Kohlenstaub fressen und in den Schächten buckeln müssen. Du musst  es anders machen als ich, du musst es besser machen. Schau mich an: Ich bin fertig. Meine Knochen sind kaputt. Ich werd´ wohl nicht viel von meiner Rente haben.“ Er wusste, so führte Alwin aus, dass die Zeit der Kohle zu Ende ging. Eine nach der andern wurden die Zechen geschlossen. „Du musst studieren, Jung´, das hat Zukunft.“ (Nach diesen Worten habe ich gefragt, weshalb er immer noch an der Ansicht festhielt, der Vater habe ihn nicht gesehen.)

Alwin hatte studiert. Er hatte eine Festanstellung bekommen und gutes Geld nach Hause gebracht. Die Frau, die er vor zwölf Jahren geheiratet hatte, war Beamtentochter. Man hatte in einem Viertel gewohnt, das dem seiner Herkunft in nichts zu vergleichen war. In dieser Sitzung, im Nov. 2016 wurde ihm (und im Gleichschritt auch mir) klar, dass er den sozialen Ort seiner Herkunftsfamilie verlassen hatte.

Gemeinschaft, das wurde ihm heute klar, war für Alwin gleichbedeutend mit den Zusammenkünften in den Schrebergärten hinter der Siedlung. Das waren die derben Sprüche der Männer, die sich zuprosteten. Da wurden Geburtstage gefeiert und Todesfälle gemeinsam getragen. Es gab die Gruppe der Gleichaltrigen, mit denen man die Kindheit und Jugend durchlief.
Es gab eine Form des Zusammenseins, die untrennbar mit dem Erwerbsleben der Männer gekoppelt  war.

„Heute verkehre ich hauptsächlich mit meinen Klienten. Das ist mein sozialer Bezug.“ Hier wurde er nachdenklich: “Als ob ich darauf aus wäre, immer eine Distanz zu halten“. Der Vater war schon vor Jahren gestorben. Er hatte nicht einmal das Ruhestandsalter erreicht. „Die Mutter lebt noch. Sie freut sich, wenn ich sie besuche. Aber ich gehe gar nicht gerne zu ihr hin. Es dauert nie lange, dann könnte ich heulen und eine Viertelstunde später merk´ ich, wie ich wütend werde. Dann ist es besser, ich gehe.“

An dieser Stelle entwickelte Alwin einen neuen Sachverhalt . Die Bergmannsidylle war zuhause beständig beschworen worden. Dabei war es immer um die Familie des Vaters gegangen. Die Familie der Mutter aber war verschwiegen, ja sogar aktiv ausgegrenzt worden. Als Alwin zu diesem Kapitel der Familiengeschichte kam, liefen ihm Tränen über die Wangen.

Das großelterliche Haus der mütterlichen Seite nämlich, war der Ort, den Alwin  mit Geborgenheit und Zugehörigkeit verband. Sofort war zu spüren, dass es zum Großvater eine tiefe Liebe gegeben hatte und immer noch gab. Dieser Großvater war „nur“ ein einfacher Arbeiter gewesen. Er hatte das Haus, in dem er mit der Großmutter lebte, eigenhändig erbaut. Für Alwin war er ein Mann, der alles konnte, alles verstand und der immer für ihn Zeit gehabt hatte.

Alwin konnte sich nicht daran erinnern, was die Familien entzweit hatte. Er konnte sich nur daran erinnern, dass gegen Ende der Kindheit eine Zeit begann, in der die Familie seiner Mutter nicht mehr eingeladen wurde und in der er und seine Schwester diese Großeltern auch nicht mehr besuchen durften. Später fanden wir heraus, dass dies auch der Zeitpunkt war, zu welchem Alwin auf eine weiterführende Schule gewechselt hatte.

Heute wurde deutlich, Alwin hatte innerhalb von 15 Jahren zweimal den sozialen Ort gewechselt. Diese Wechsel waren leise, schleichend erfolgt. Niemand hatte darüber gesprochen, umso eher blieb das tiefe, innere Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit unbefriedigt. Nicht seine Frau, nicht die Arbeitskollegen, nicht seine Klienten konnten diese Sehnsucht stillen.

Heute war der Tag, an dem es erkannt und benannt  wurde. Von jetzt an war der Mangel bewusst. Der freie, unbesetzte Platz war geortet worden. Jetzt mochte die Zukunft zeigen, ob diese vakante Stelle neu besetzt werden wird.

Was ich aus dieser Arbeit gelernt habe ist eine Erweiterung der Dreiheit Beruf, Beziehung, Wohnung. Denn nun weiß ich, dass ich ein viel weiter gefasstes Verständnis von Wohnung brauche.Wohnung  steht von jetzt an für „Der soziale Ort“. Jeder Leser mag sich an dieser Stelle fragen: Wie würde ich den sozialen Ort beschreiben, an dem ich mich in dieser Phase meines Lebens befinde? Und: Bin ich glücklich an diesem sozialen Ort? Gehöre ich hier hin?

Bei der therapeutischen Arbeit mit Immigranten war mir das Thema Verlust des sozialen Ortes immer wieder schreiend deutlich geworden. Bei der Iranerin, die als Studentin 1979 ihren kulturellen und sozialen Hintergrund verloren hatte und vor Verfolgung nach Deutschland geflohen war. Oder mein indischer Klient, der mit sechs Jahren den Eltern in den Westen folgen musste und sich dort von heute auf morgen mit einer neuen Sprache, mit unbekannten Umgangsformen und mit einer fremden Religion konfrontiert sah.

Bei den aus dem Ausland zugewanderten Klienten war mir jedes Mal klar, dass der Verlust der Heimat ein zentrales Thema darstellte, das sichtbar gemacht werden musste, weil andernfalls die Persönlichkeitsentwicklung stagnierte. Jetzt weiß ich, dass dies auch für unsere Landsleute gilt. Der Wechsel des sozialen Ortes ist für niemanden eine Kleinigkeit. Mir selbst jedenfalls, war dieser Umstand bisher nicht so bewusst wie jetzt, seit der Begleitung von Alwin.


Erläuterungen zu „Sozialer Ort“

Ich benutze „Sozialer Ort“ hier als Sammelbegriff, der wie ein Schirm folgende Aspekte überspannt: a) soziales Umfeld, b) kulturelle Prägung, c) ethisches und religiöses Weltbild, d) Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht.

a)      Das soziale Umfeld ist der Pflanzkasten, in dem wir wurzeln und wachsen. Gemeint ist das Elternhaus, in dem wir unsere Kindheit und Jugend verbrachten, oder der Haushalt einer Tante, zu der wir gegeben wurden, weil die Mutter nicht zur Verfügung  stand, oder gelegentlich auch ein Kinderheim. Zum sozialen Umfeld gehören die Menschen aus der Nachbarschaft, die Jugendgruppe im Sport- oder Musikverein und der Klassenverband in der Schule.
Ob unser Klient in einem Haus groß geworden ist, in dem Künstler aus-  und eingingen, ob er auf einem Bauernhof oder in der Arbeitersiedlung  aufgewachsen ist, das macht für einen Heranwachsenden einen gewaltigen Unterschied. Gravierend dabei ist, was ihn in diesen ersten zehn bis 15 Jahren prägt, betrachtet er später als normal. Alles, was davon abweicht, wird er skeptisch betrachten oder rundweg  ablehnen.
b)      Bei der kulturellen Prägung  geht es um die Kulturtechniken, Lesen, Schreiben, Rechnen. Darüber hinaus geht es um grundlegende Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs, um Verständnis von bildender Kunst und Musik, um den Erwerb der gängigen Symbolsprache und um das Verstehen von Mimik und Gestik. Kulturelle Prägung umfasst alles was zivilisatorische Errungenschaften sind, von der Art den Tisch zu decken, mit Messer und Gabel zu essen oder mit Stäbchen, bis zur Kenntnis der Etikette, die bei offiziellen Staatangelegenheiten gelten.
c)      Ein sozialer Ort ist zudem auch durch grundlegende religiöse und ethische Vorbilder geprägt. Was gut und was edel ist, was Ehrlichkeit, Wahrheit, Verlässlichkeit betrifft. Aus dem sozialen Umfeld stammen auch die Einstellungen zu Liebe, Geburt und Tod und die Vorbilder für den Umgang mit den Mysterien.
Die Randgruppen-Jugendlichen, mit denen ich in meiner Jugendhauszeit zu tun hatte, besaßen häufig kein Unrechtsbewusstsein für die Kleinkriminalität, für die der Jugendrichter sie immer wieder verurteilte. Aus einer offenen Kasse eine Handvoll Geld mitnehmen, weil man schnell und geschickt ist, das ist doch normal. Ihre Brüder, ihre Nachbarn, ihre Onkel aus dem Wohngebiet haben es ihnen oft genug vorgemacht. Wenn man dabei nicht erwischt wurde, konnte ein kleiner Fischzug zuhause durchaus Lob und Anerkennen einbringen.
Seit langem achte ich auf den religiösen Hintergrund, den ein Klient mitbringt und ich habe gelernt, dass es nicht nur darauf ankommt, ob mein Klient aus einem moslemischen oder einem christlichen Haus kommt, wenn ich ihn verstehen will. Es macht auch einen deutlichen Unterschied im Wertesystem eines Menschen ob er in einem protestantischen oder einem katholischen Umfeld aufgewachsen ist.
d)      Ein sozialer Ort lässt sich auf jeden Fall durch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht bestimmen. Angehörige verschiedener gesellschaftlicher Schichten haben unterschiedlichen Zugang zu Bildung, Besitz und Macht. Ungelernte Arbeiter haben meist den niedrigsten Schulabschluss, kein Vermögen und außer ihrem Stimmrecht bei politischen Wahlen keinen Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen. Die gebildete Mittelschicht zeichnet sich durch Hochschulabschlüsse, durch ein bescheidenes aber stabiles Vermögen und dadurch aus, dass sie auf jeden Fall theoretisch Zugang zu politischen Ämtern hat. Die Gruppe der Spitzenverdiener zeichnet sich durch ihr unverhältnismäßig großes Privatvermögen aus  und durch ungehinderten Zugang zu Bildung und Macht, ungeachtet dessen ob sie ihre Privilegien nutzen oder nicht.
     (Diese Darstellung ist sehr vereinfacht, aber sie kann dennoch deutlich machen, dass eine Vielzahl von Faktoren hereinspielt, wenn wir vom „sozialen Ort“ sprechen.)
Ich hoffe, es wurde deutlich, welch grundlegenden Unterschied es für einen Menschen macht ob er im Haushalt eines Geringverdieners, in einer Lehrerfamilie oder auf Schloss Guttenberg geboren wird und aufgewächst.

Übrigens lebt die Spannung in unzähligen Romanen davon, dass sich Angehörige verschiedener sozialer Schichten ineinander verlieben. Die Gräfin, die eine Affäre mit dem Gärtner hat (Lady Chatterley). Der Professor, der alles aufgibt, um mit einer Varieté-Künstlerin zusammen leben zu können (Professor Unrat). Das tapfere Schneiderlein, das am Ende die Königstochter heiratet. Immer wieder der Traum, in dem es keine sozialen Grenzen gibt. Immer wieder die Bewunderung für Menschen, die ungeachtet ihrer sozialen Herkunft auf die Stimme ihres Herzens vertrauen. Und immer wieder das Drama und die oft tragische Entwicklung solch ungleicher Verbindungen.

Was uns im Zusammenhang mit dem Fallbeispiel „Alwin“ besonders interessiert, ist der Wechsel des sozialen Ortes. Bei ihm war der zweite Wechsel des Umfeldes, den er verarbeiten musste, der Schritt aus der Welt der Grubenarbeiter in die Welt der Akademiker.  
Als Alwin zehn Jahre alt war, stand die Entscheidung an: Geht er weiter von der Grund- in die Hauptschule oder wechselt er aufs Gymnasium? Alwin war ein guter Schüler, die Lehrer, der Onkel, der Vater unterstützten den Schritt. Sie wollten alle nur das Beste für den Jungen und dabei entging ihnen, dass sie ihn wohlmeinend und völlig  unbewusst aus seiner sozialen Herkunft rauswarfen.
Für den Mann, der zwanzig Jahre später vor mir saß, war nicht der Wechsel als solcher problematisch, sondern der Umstand, dass er leise und unbemerkt geschah. In der Therapie musste nun, was sich früher hinter dem Rücken unseres Klienten abgespielt hatte, ins Blickfeld gebracht werden. Das unbewusste Geschehen konnte bewusst werden und damit wechselt der Klient aus der passiven in die aktive Rolle.
Er ist Situationen nicht mehr hilflos ausgeliefert, vielmehr kann er jetzt handelnd eingreifen und aktiv Position beziehen. Er wird herausfinden, ob er einen Spagat machen möchte zwischen zwei sozialen Zugehörigkeiten, ob er sich hier verabschieden und dort einen Einstand nehmen will oder ganz krass, ob er in die alte Herkunft zurück möchte, weil er in der neuen Gesellschaftsschicht nicht heimisch werden kann.

Bewusstheit fördern, bei uns selbst und in der Arbeit mit anderen. Mehr können wir nicht tun. Allein die Bewusstheit macht den Unterschied.


Rajan Roth
Juli 2017


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Samstag, 20. Mai 2017

Was aus der Betrachtung der Biographien von Rogers und Perls folgt.

Nach dem Studium der Lebensläufe von Rogers und Perls fasste ich zusammen: „Wie das Leben, so die Therapie“. Aus dem wilden, wechselhaften Leben des Frederic Salomon Perls entsprang eine Therapie, in der es vor allem um Lebendigkeit geht. Aus der Erfahrung eines religiös orthodoxen Elternhauses entstand bei Carl Rogers der lebenslange Drang, sich für die freie Entfaltung des Denkens und Fühlens einzusetzen.

Von Künstlern wusste man schon immer, dass sich ihr Leben in ihrem Werk widerspiegelt. Wusste man, dass dies auch für die Begründer großer Therapieformen gilt? Bei den Vätern der Gestalt- und der Gesprächstherapie ließ sich das, glaube ich, gut zeigen.  Für andere bekannte Psychotherapeuten hat Gabriele Fürst-Pfeifer eine sehr umfassende und aufschlussreiche Arbeit vorgelegt: „Biographie und (un)bewusste Berufswahlmotive von Psychotherapeuten“. (München, Münster, Berlin, 2013).

Sie berichtet, dass Milton Erickson, „amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut, der die Begründung der Hypnotherapie mitprägte, ein wichtiger Vertreter jener Menschen ist, deren Berufswahlmotivation aus mehrfachen körperlichen und neurologischen Einschränkungen begründet ist“. (S. 70) Er wurde bereits mit sensorisch-perzeptiven Problemen geboren und erkrankte im Alter von 17 Jahren an Kinderlähmung. „Seine eigenen Rehabilitätsbemühungen führten ihn jedoch dazu, dass er nicht nur seine Genesung unterstützte, sondern dabei auch klassische hypnotische Phänomene wiederentdeckte, indem er sie an seinem eigenen Körper therapeutisch nutzte.“ ( S . 70) „Er erreichte Heilerfolge bei sich selbst, in einem Ausmaß, dass er wieder ohne Krücken gehen und zudem eine enorme körperliche Stärke entwickeln konnte. Er leistete umfangreiche hypnotherapeutische Arbeit mit Klienten und verfasste zahlreiche Arbeiten über Trance und hypnotische Wirklichkeiten.“

Von Albert Ellis, dem Begründer der „Rational-Emotive Therapy“ zitiert Fürst-Pfeifer aus einem Aufsatz: „Warum bin ich wirklich Psychotherapeut geworden? Kurz gesagt: weil ich mir in erster Linie selbst helfen und ein weniger ängstlicher, glücklicherer Mensch werden wollte. In Wahrheit und vor allem wollte ich mir selbst helfen. Mir, nur mir.“ Etwas weiter unten schrieb Ellis: „Ich helfe mir selbst und versuche es dabei so einzurichten, dass andere auch davon profitieren. Sowohl als auch, nicht entweder oder.“ (Meine Übersetzung, Original hier S.71)

Über den berühmtesten aller Psychotherapeuten, Sigmund Freud, ist reichlich viel geschrieben worden, natürlich auch darüber, dass sich die Psychoanalyse aus Freuds Biographie erschließen lasse. Hier zwei Beispiele:
Freud verfasste eine Schrift mit dem Titel: „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“. Der Kunsthistoriker Andreas Hauser greift die Ausführungen auf und benutzt selbst die Überschrift: “Freuds Selbstporträt als Leonardo da Vinci“. Mit Belegen, die hauptsächlich aus Freuds Briefen stammen, weist Hauser nach, dass Freud den Leonardo erinnern lässt, was seine eigenen Kindheitserinnerungen sind. Darüber hinaus aber, sieht Hauser die wichtigsten Züge der Freudschen Persönlichkeit in der Sichtweise des Leonardo repräsentiert. Freud bewundert in Leonardo da Vinci den Neuerer, das Genie, das durch innere Kämpfe und durch Zeiten der Unproduktivität gehen muss, um dann in plötzlicher Einsicht Gigantisches, Geniales zu erschaffen. Freud selbst, so argumentiert Hauser, hatte diesen unermüdlichen Schaffensdrang, kannte aber, genau wie Leonardo, die unproduktiven, schwermütigen Zeiten. Getrieben davon, ein Held des Geistigen zu sein, fand er jedoch immer wieder zurück zu jener ganz besonderen, wissenschaftsorientierten Kreativität. 

„Ohne das messianische Sendungsbewusstsein und den tiefen Glauben an den Allgemeinnutzen der eigenen Schöpfung, die sich im Leonardo Essay manifestieren, hätte ein so kühnes Werk wie das Freudsche wohl gar nicht entstehen können.“ (Hauser, S. 12) Das Gesamtwerk umfasst 18 Bände und 6315 Seiten.

Eine zweite Arbeit, die mir erwähnenswert erscheint, stammt von Marianne Krüll und trägt den Titel: „Freud und sein Vater“. (Veröffentlicht in: Freiburger Universitätsblätter, 1983. Unter dem gleichen Titel auch als Buch erschienen). Darin geht es unter anderem um die familiendynamischen Hintergründe der Psychoanalyse. Krüll stellt eine sozialhistorische Untersuchung an um herauszufinden, weshalb Freud seine Lehrmeinung kurz nach dem Tod seines Vaters änderte. Sie schreibt:
 „Un zu verstehen weshalb die Vorkommnisse dennoch für Freud traumatisierend und prägend waren, müssen wir uns in die Welt des Judentums in Österreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückversetzen, in der Freud lebte. Wir müssen sogar noch weiter zurückgehen in die Zeit, als sein Vater Jakob in Galizien - heute Ukraine - im orthodox-jüdischen Milieu heranwuchs, dort eine Familie gründete und als Wanderjude den weiten Weg bis nach Mähren und Wien mehrmals im Jahr zurücklegte und dann kurz vor Sigmunds Geburt den Sprung in das aufgeklärte Assimilationsjudentum wagte. Die Spannungen, die sich hieraus für das Kind Sigmund ergaben, können wir nur erahnen. ( Viele Menschen, die sich heute in unseren westlichen Ländern als weitgehend ungewünschte Fremde heimisch zu machen versuchen, sind in einer ähnlichen Lage!) Lassen Sie sich also dazu verführen, mit mir eine Reise in die Vergangenheit zu machen. Sie führt zunächst nach Tysmenitz, der Geburtsstadt Jakobs in Galizien.“ ( S.2)

Wir erfahren, dass Jakob bereits vierzig Jahre alt war, als er 1855 zum zweiten Mal heiratete. Amalie, seine neue Frau, war 19 Jahre alt. Ein Jahr später, 1856, wurde Sigmund geboren. Aus Jakobs erster Ehe gab es zwei erwachsene Söhne, die im selben Dorf wohnten. Phillip, einer der Stiefbrüder Freuds, war genauso alt wie Amalie und könnte durchaus mit ihr mehr als nur ein freundschaftliches Verhältnis gehabt haben. So erscheint nach Krüll, die Entstehung der Theorie vom Ödipuskomplex noch einmal in einem neuen Licht. Sigmund hätte demnach nicht nur mit dem Vater um die Liebe der Mutter konkurriert, sondern auch mit dem Halbbruder, der in vielerlei Hinsicht den Platz des Vaters einnahm, wenn Jakob auf Handlungsreise war.

Diese Andeutungen müssen genügen. Es ging hier nur darum weitere Beispiele anzuführen, die zeigen, dass Therapieformen mit den Lebensumständen ihrer Begründer verknüpft und verwoben sind.

Wenn sich aber, was therapeutisch wirksam ist, nur unter Miteinbeziehung der Lebensdaten des Therapeuten verstehen lässt,  dann ist doch Psychotherapie etwas durch und durch Subjektives, genau wie ein Kunstwerk einmalig und unverwechselbar. Wie soll sich daraus eine Lehre bilden lassen? Wie  soll man das unterrichten?
 Damit es Gestalttherapie nach Fritz Perls wird, müsste doch jeder angehende Therapeut zwei Kriege miterlebt haben, den Expressionismus, den Dadaismus, die Flucht aus Nazi-Deutschland und ein Leben in den USA der Hippiezeit. Unsere Studenten wuchsen aber im Nachkriegsdeutschland auf, die meisten in der Wirtschaftswunder-Zeit. Ihre Eltern sind nicht politisch oder aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit verfolgt und leiden keine materielle Not.

Wie können unsere Schüler in ihrer therapeutischen Arbeit die Souveränität und Präsenz eines über Siebzigjährigen bieten, wenn sie sich erst vor wenigen Jahren zum ersten Mal die Frage nach dem „Wer bin ich“ gestellt haben? Kurz: Wenn die Besonderheit einer Therapierichtung auf die Lebenserfahrung ihres Begründers zurückgeht, wie soll daraus etwas geformt werden, das allgemein gültig ist? Wie sollen daraus Lehrinhalte entstehen, die, zum Beispiel, alle zwei Jahre einer neuen Ausbildungsgruppe von Gestalttherapeuten  vermittelt werden können?

Fritz Perls war sich dieser Eigentümlichkeit wohl bewusst. Er hat daher auch kein Kurrikulum hinterlassen. Er gab die „Geheimnisse“ der Gestalttherapie von Mund zu Ohr weiter, so wie es große Meister vor ihm auch getan haben. Christus, Gautama Buddha, Sokrates und viele andere erleuchtete Lehrer schrieben keine Bücher. Sie sprachen zu ihren Schülern und sie lebten vor, was sie lehrten. Fritz Perls beanspruchte für sich nicht erleuchtet zu sein, dennoch stand er in einer Art Zen-Tradition. Er unterrichtete durch Vormachen und Teilhabenlassen. Er arbeitete mit seinen Studenten therapeutisch und zwischendurch, immer beispielsbezogen, ließ er sie an seinen Ansichten und Einsichten teilhaben.

Wir vertreten ebenfalls die Position, dass Erfahrungslernen jeder anderen Art von Lernen überlegen ist. Zukünftige Therapeuten müssen Handlungskompetenz erwerben. Die lernt man nicht aus Büchern. Neben diesem „learning by doing“  halten wir aber die Beschäftigung mit dem Zweitgeist, aus dem heraus Fritz Perls seine neue Therapieform entwickelte, für durchaus hilfreich. Intellektuelle und praktische Schulung haben aber nur Wert, wenn sie getragen sind von der Haltung des Therapeuten, wie sie Carl Rogers gefordert und praktiziert hat: Eine Haltung der Authentizität, der Akzeptanz und der Empathie.

Geleitet von diesen Überlegungen haben wir deshalb eine Ausbildung entworfen, die drei Hauptstränge verfolgt:  
1.  Gestalttherapie erfahren aktiv und passiv.
2. . Beschäftigung mit den Quellen des Wissens aus denen
       Fritz Perls (und Carl Rogers) schöpfte.
3. . Immer wieder die Aufmerksamkeit auf die Haltung des Therapeuten richten.

Die erste Aufgabe heißt: wir erarbeiten die geistigen Hintergründe aus denen Fritz Perls seine gedanklichen Grundlagen und Anregungen bezog. Jeder Student soll eine Idee von jenem Gedankengut bekommen, das Fritz Perls in den ersten 50 Jahren des 20.Jahrhunderts zugänglich war:
- die Gestaltpsycholgie
- die Phänomenologie
- das organismische Denkens eines Kurt Goldstein
- das Psychodrama von Jakob Moreno,
- Wilhelm Reich und das Miteinbeziehen des Körpers in die Psychotherapie,
- die schöpferische Indifferenz von Salomon Friedländer
- das Menschen- und Weltbild der deutschen und französischen Existenzialisten
- Lore Perls und die Körperarbeit, die sie bei Elsa Gindler kennenlernte
- die politische Haltung der deutschen Linken, die sich gegen den
   Nationalsozialismus formierte,
- die Feldtheorie von Kurt Lewin
- Paul Goodman und seine anarchistischen Denkansätze,
- Zen-Buddhismus und die Erfahrung der Leere

Der zweite Strang formt sich um das Thema Selbsterfahrung. Jeder Mensch hat ein Selbstbild, das ist meist eher unbewusst. Therapeuten jedoch, müssen sich dessen bewusst sein. Sie müssen also selbst Therapiesitzungen nehmen und Sitzungen geben, um zu erfahren, was da im Inneren passiert. Wie sich jemand fühlt, der unter Begleitung den schier unerträglich Schmerz der Trennung von einer geliebten Person noch einmal erlebt, und wie großartig es ist, sich endgültig davon zu befreien. Zu sehen, dass wir keine hilflosen Kinder mehr sind und dass wir im Hier und Jetzt keinen Mangel haben, sondern uns als Erwachsene frei und selbstbewusst in der Welt bewegen können.    

Der dritte Gesichtspunkt, in dem es um die Haltung geht, ist praktisch von der Beschäftigung mit den Werkzeugen des Therapeuten und von seiner geistesgeschichtlichen Verortung nicht abzulösen. Hier zeigt sich dann, dass die drei Stränge ineinander übergehen: Die Haltung des Therapeuten, sein Selbstbild, seine gedankliche Position und das Umsetzen all dessen in der täglichen Praxis. Es kommt also darauf an, die Einzelbereiche zwar zu benennen, sie aber immer als zusammengehörig zu verstehen. Also eine eher fließende Angelegenheit Wie dynamisch diese Selbsteinsicht auch sein mag,  irgendwo in all der Bewegung werden sich Strukturen und Prägungen zeigen, die zu kennen für den zukünftigen Therapeuten unverzichtbar ist.  Da wird er seine Eigenart, seine Individualität finden und das halten wir für Wesentlich, weil wir nicht möchten, dass unsere Absolventen versuchen, ein Rajan oder eine Deva Prem zu werden und noch viel weniger wünschen wir, dass wir lauter Möchtegern-Fritze entlassen.

Denn Fritz arbeitete, wie Fritz lebte und du wirst arbeiten, wie du lebst.

Dabei kommt es nicht auf die Einzelheiten an – man muss kein Kriegsteilnehmer, Schauspieler, Psychoanalytiker oder Zen-Schüler sein – es kommt vielmehr auf die Bewusstheit, auf Wachheit an.
Die ersten Schritte gehen natürlich dahin, die äußeren Umstände des eigenen Lebens zu erinnern. Der materielle und existentielle Rahmen der persönlichen Vergangenheit und Gegenwart kann transparent werden. Die Beziehungen zu den Geschwistern, zu den Eltern, zu Freunden, Tanten, Onkeln werden in den Blick treten. Es wird dir klar was du hast, was du kannst und wer du in der äußeren Welt bist oder zu sein glaubst. Das wird schon einige Zeit in Anspruch nehmen. Bei der eigentlichen Selbsterkundungsarbeit aber geht der Blick nach innen und die Reise nach innen ist zeitlich unbegrenzt.

Es ist interessant und hilfreich auf die Lebensumstände und Prägungen zu schauen, wichtig ist dennoch nur die Art und Weise, wie wir verarbeitet haben und verarbeiten, was wir erlebten und erleben. F. Perls legte fest: Es gibt nur zwei wichtige Worte: Now and How! Hier und Wie! In diesem Punkt ist es allerdings erwünscht, dass wir gute Schüler von Perls oder Rogers werden: nicht in der Nachahmung von Einzelheiten, sondern in der Haltung. Wie ging Fritz Perls um, mit dem was er erlebte? Tausende von Zeitgenossen erlebten wie er zwei Kriege, verloren geliebte Menschen, mussten ethnische Diskriminierung ertragen, aber nur einer von ihnen wurde ein Fritz Perls. Und Warum? Weil er seine Erlebnisse auf seine spezifische Art in seinem Innern verarbeitete.

Nach dem Blick auf die beiden Biographien fällt es mir leichter zu formulieren, was wir stärken wollen: Eine autonome, autarke Art Erlebnisse zu Erfahrungen zu verarbeiten. Es ist unerlässlich Ereignisse im Innern so zu prozessieren, dass sie Teil unserer selbst werden.

Fritz Perls stellte eine Analogie her, zwischen der Aufnahme von Nahrung und der Verarbeitung psychischer „Stoffe“. Er nannte den Prozess der Verwandlung von Fremdem in Eigenes „Assimilation“. Wir müssen Nahrung so weit zerkleinern, dass die daraus gewonnenen Bausteine im Blut transportiert und von den Körperzellen aufgenommen werden können. Die gesunde Reaktion wäre, auszuscheiden was wir nicht zum Aufbau brauchen. Oft halten wir aber Stoffe in uns fest, die uns schaden. Wir wollten sie nicht in uns haben, aber wir wurden gezwungen, sie aufzunehmen. Darum werden wir  krank. So verhält es sich auch mit psychischen Inhalten: Wir wurden zum Beispiel darauf dressiert, nicht zu fühlen was wir fühlen. Die Eltern sagten, „so ist es nicht, deine Wahrnehmung ist verkehrt“. Daher haben wir verlernt, anzunehmen und zu behalten, was uns aufbaut und abzuweisen, was uns schwächt.
Wir wünschen, dass jeder Student bei uns die Kunst der Wahrnehmung wieder erlernt und damit auch die Fähigkeit zurückgewinnt, Ja und Nein zu sagen nach seinem eigenen momentanen Empfinden, nicht nach einem veralteten inneren Programm. 
      
An der Art er selbst zu sein, wird man den Gestalttherapeuten erkennen.


Rajan Roth 20.5.2017


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Dienstag, 28. März 2017

Carl Rogers und der Unterschied zwischen Konversation und therapeutischem Gespräch

 Carl Rogers (1902-1987) fand eine Form des therapeutischen Gesprächs, wie sie vor ihm noch niemand praktiziert hatte. In den 1940er Jahren, in den USA, nannte er seine Methode „the non-directive therapy“, die nichtdirektive Therapie. Später gab er ihr den Namen „client-centered therapy“, klientenzentrierte Therapie. Beginnend in den 60er Jahren fand  die Arbeitsweise von Carl Rogers auch in Deutschland Verbreitung. Hier wird sie Gesprächstherapie genannt.
Dieser Begriff führt immer wieder zu Missverständnissen. Es entsteht der Eindruck, Therapeut und Klient unterhalten sich. Sie führen eine, vielleicht sogar angeregte Konversation. Wer sich nicht näher mit der Materie befasst, sagt sich natürlich: „Eine Konversation? Dann bin ich auch Therapeut. Komm mal morgen Nachmittag vorbei. Trinken wir ein Tässchen Kaffee miteinander und danach bist du geheilt.“
Die Frage heißt: Kann ein Gespräch therapeutisch wirksam sein? Die Antwort lautet: Ja, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Damit aus einer Alltagsunterhaltung ein therapeutisches Gespräch wird, müssen drei Bedingungen erfüllt sein:
-        Anders als in den üblichen Unterhaltungen, in denen wir hauptsächlich damit beschäftigt sind unsere eigene Meinung und unsere eigenen Erfahrungen mitzuteilen, wird sich der Therapeut im klientenzentrierten Gespräch auf das Zuhören konzentrieren. Dazu wird er nicht nur die Ohren benötigen, sondern alle seine Sinne. Er wird sämtliche Antennen ausfahren, um so weit als möglich den Gesprächspartner zu erfühlen. Nur so wird er nach einiger Zeit des Zuhörens verstehen, was die Worte des Gesprächspartners bedeuten. Zuhören heißt, sich öffnen für das Anderssein des Gegenüber. Der Therapeut muss sich auf sein Gegenüber einlassen. Auf diese Weise in Kontakt gehen heißt immer, eine fremde Welt betreten. Man muss sich nur vorstellen, ich erlaube einem Fremden, meine innere Welt zu betreten. Da wünsche ich mir doch vor allem Behutsamkeit und Umsicht.
-        Wie von selbst geht aus dieser Betrachtungsweise hervor, dass der Therapeut seinen Klienten respektieren muss. Es kann sein, dass er die Handlungsweise seines Gegenübers nicht richtig findet. Dennoch wird er den anderen als Menschen respektieren, ihn in seiner Einmaligkeit und Andersartigkeit wertschätzen .
-        Während das einfühlsame Zuhören und die Achtung der Andersartigkeit des anderen  leicht verständliche Voraussetzungen für ein professionelles Gespräch sind, erschließt sich der dritte Punkt nicht so leicht. Hier geht es um Authentizität. Carl Rogers hat den Therapeuten immer empfohlen echt zu sein. Die Kongruenz, wie er es nannte, hat sich ihm in den vielen Jahren der Praxis als die wichtigste Voraussetzung herausgestellt.

Nun stellt sich die Frage, warum sollte diese besondere „Haltung“ des Therapeuten beim Klienten heilende Wirkung erzielen? Carl Rogers sagte dazu, der Klient „wird einige seiner Gefühle und Einstellungen tiefer erkunden. Er wird wahrscheinlich einige seiner verborgenen Seiten entdecken, die ihm zuvor nicht bewusst waren. Wenn er sich von mir geachtet fühlt, ist es höchstwahrscheinlich, dass er sich selbst mehr achten wird.“  Und wenn der Therapeut, soweit es geht, darauf verzichtet, eine Maske zu tragen oder eine Rolle zu spielen, dann wird diese Haltung, früher oder später, auf den Klienten überspringen. Er wird ebenfalls damit anfangen, seine Verkleidungen abzulegen und sich seinem wahren Selbst zuzuwenden.
In unseren Alltagsgesprächen geht es meist darum herauszufinden, wie wir unser Leben verändern und verbessern können und wie wir alles so darstellen können, dass wir gut dastehen. Im therapeutischen Gespräch nach Carl Rogers geht es um das Gegenteil: Du musst gar nichts verändern, nichts schöner erscheinen lassen als es ist, vielmehr, die Dinge sehen und annehmen wie sie sind. Nicht ein anderer sein wollen, sondern immer mehr der werden, der wir sind. Solch eine Haltung trifft man doch eher selten an in einer Konversation an der Theke oder im Kaffeehaus.


 Dr. Rajan Roth, leitet gemeinsam mit Deva Prem Kreidler-Roth einen viertägigen Workshop zum Thema Gesprächstherapie nach Carl Rogers vom 04.- 08.September 2017 an der Holler Heilpraktikerschule in Gummersbach.

20.03.2017

https://holler-heilpraktikerschule.de/de/


Samstag, 16. Januar 2016

Gestalt, Empörung und frühere Leben

Gestalt

Wir werden oft gefragt: Wieso heißt diese Therapie Gestalttherapie? Dazu stellen wir erst einmal klar, dass sie nichts mit Gestaltung zu tun hat, sie ist keine Gestaltungstherapie. Hier wird nicht mit Tonerde oder Plastelin gearbeitet oder mit Papier und Farbe. Das kann in Einzelfällen mal vorkommen, aber daher stammt der Name nicht. Er leitet sich vielmehr aus einem Begriff ab, der vor über hundert Jahren in der Wahrnehmungsforschung eine große Rolle spielte.

Damals beschäftigte man sich mit der Frage: Wie entsteht das innere Bild dessen, was wir sehen. Die Mechanik des Auges war weitgehend bekannt. Es war klar, dass vom Auge ein Sehnerv ins Gehirn führt. Aber was genau geschieht dort? Wie stellen wir aus dem optischen Reiz ein Bild her, von dem wir ja überzeugt sind, dass es ein Abbild unserer Welt ist? Anfangs hat man vor allem in der physiologischen Struktur des Gehirns Antworten zu finden gehofft, hat auch einiges gefunden. In den 1920er Jahren wurde aber klar: Wahrnehmen ist ein hoch komplexer, physischer, aber ebenso ein psychischer Vorgang, bei dem die „Gestalt“ eine zentrale Rolle spielt. Ein Grund dafür, dass die neue Forschungsrichtung die Bezeeichnung Gestaltpsychologie erhielt. Erst einige Jahrzehnte später, 1950, gab es eine Therapierichtung, die sich Gestalttherapie nannte und die lässt sich, wie ich noch zeigen werde, zum Teil aus der Gestaltpsychologie erklären.

Die Forscher fanden heraus, dass sich dargebotene visuelle Reize eine winzige Minisekunde lang formlos präsentieren, noch ist keine Form zu erkennen. Dann aber springt, sozusagen mit Lichtgeschwindigkeit, das Geschaute in etwas Erkennbares um, und jetzt sagen wir, das Geschaute hat Gestalt angenommen. Was sich dem Auge bietet, ordnet sich in uns zu etwas Erkennbarem. Erst jetzt  "sehen" wir, was wir sehen. So heißt sehen immer erkennen. Der Akt des Sehens und der Akt des Deutens oder des Bedeutung Gebens sind nicht voneinander zu trennen.

Die Gestaltpsychologen nahmen zunächst an, es gäbe da draußen eine objektive Wirklichkeit, die in unseren Gehirnen eins zu eins abgebildet wird. Je nach Anordnung der Objekte in der Natur nähmen wir das Geschaute in Gruppen oder Reihen, in Ähnlichkeiten oder Gegensätzen wahr. Es wurde angenommen, die Struktur der äußeren Wirklichkeit finde eine Entsprechung im Gehirn. Die äußere Ordnung spiegle sich in der neuronalen Ordnung wieder. Als die Gestaltpsychologen anfingen sich mit Vexierbildern zu befassen, mussten sie ihre Lehrmeinung ändern. Jetzt wurde deutlich, dasselbe Bild wird einmal als Vase und einmal als die Darstellung von zwei Gesichtern gesehen.

                                                                       


Wo ist jetzt die Objektivität? Inneres und äußeres Bild fallen auseinander. Das eine ist die Realität der Objekte da draußen, das andere ist die Realität der inneren Bilder. Und da die „Wahrnehmung“ von einer Person zur andern variiert, wird klar: Unsere Psyche bestimmt, was wir sehen. Offenbar geschieht die Verfertigung der Realität in unserem Innern.

Eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung spielt, wie gesagt, die Gestalt. Wir bestimmen, ob wir zwei Gesichter oder eine Vase sehen. Wir können nur sehen, was wir erkannt haben und wir erkennen nur, was Gestalt angenommen hat. Gestalt aber, nimmt nur an, was Kontur und Struktur hat. Etwas Amorphes können wir nicht „sehen“. Das Merkmal all dessen, was wir sehen, ist also: Für uns hat es Gestalt angenommen. Solange nur Einzelteile oder Bruchstücke vor uns liegen, bildet sich in uns keine Gestalt. Sobald es sich aber für uns fügt, taucht die Gestalt auf. Wir haben die Tendenz, was sich dem Auge bietet zusammenzufügen. So wird das Wesentliche der Gestalt erkennbar: Ihre Ganzheit.

In Versuchen zeigten die Gestaltpsychologen, dass wir Bilder, die uns nur für Bruchteile von Sekunden dargeboten werden, in extrem kurzer Zeit ergänzen. Beispiel: Auf einer Projektionsleinwand wurden Bilder mit einem präparierten Diaprojektor für Minisekunden gezeigt. Die Versuchspersonen ergänzten ausnahmslos die dargebotenen Bilder so, dass sie ein sinnvolles Ganzes ergaben. Ein Kreis, der bei längerem Hinschauen nicht geschlossen war, wurde als Kreis erkannt, nicht als offener Ring. Ein oben zugebundener Sack wurde als Birne identifiziert. Drei unverbundene Stäbe, die in einer bestimmten Formation lagen, wurden als Dreieck gesehen, obgleich die Ecken fehlten.

Dieses Phänomen wird in der Gestaltpsychologie „Gesetz der Ganzheit“ genannt. Dieses Gesetz der Ganzheit stammt ursprünglich aus der Wahrnehmungspsychologie. Später zeigte sich, dass es für alle psychischen Prozesse gilt: Für Denken, Fühlen, Handeln. Wir möchten unsere Gedanken zu Ende denken, wir möchten, dass unsere Gefühle entstehen, sich entwickeln und wieder abklingen können, und wir sind bestrebt, unsere Handlungen auszuführen bis das Beabsichtigte erledigt ist. Wenn unsere Überlegungen gestoppt, unsere Gefühle gestört, unsere Begegnungen unterbrochen werden, erleben wir das als unangenehm, beunruhigend, oft als schmerzlich. Alles in uns drängt darauf, die Gestalt zu schließen. ( Dies ist eine unglückliche Formulierung, weil eine Gestalt geschlossen ist oder es ist keine Gestalt. Aber mir kommt es zu umständlich vor, jedes Mal von dem zu sprechen was noch keine Gestalt angenommen hat, bald aber als solche zu erkennen sein wird etc. Diese kleine Ungenauigkeit erlaube ich mir zugunsten der Lesbarkeit.)

Obwohl es den Menschen besser bekäme, sie würden sich um das Beenden angefangener Geschichten kümmern, handeln sie meist konträr: Sie sind an neuen Aktivitäten interessiert und durch diesen Aktionismus sammeln sich über die Jahre mehr und mehr unerledigter Geschäfte an. Dabei baut sich wachsender Druck auf. Wir nähren, ohne uns dessen bewusst zu sein, einen inneren Widerspruch: Unser Wollen treibt uns zu immer neuen Aktionen, während eine tiefere Schicht unserer Psyche die angefangenen Erlebnisse zu Ende bringen möchte. Wenn wir dem psychischen Drängen keinen Raum geben, dann verselbständigt es sich und umgeht unser bewusstes Streben. Es sucht und findet neue Kanäle. Einer dieser Kanäle ist der Traum. Jede Nacht helfen Träume die Psyche aufzuräumen. Gespräche werden weitergeführt, Beziehungen glücklich beendet, Worte gesprochen, die ungesagt geblieben waren. Ohne Träume wären wir alle längst verrückt.

Ein zweiter Kanal, über den sich das vernachlässigte Bestreben zum Schließen der Gestalten meldet, ist deutlich unangenehmer. Er findet sich im Alltag: Unser unbewusstes Handeln führt uns immer wieder in Situationen, die den unfertigen Erlebnissen aus unserer Vergangenheit zum Verwechseln ähnlich sind. So werden zum Beispiel Menschen, die ein Autoritätsproblem mit ihrem Vater hatten, immer wieder Männer suchen, gegen die sie sich auflehnen können. Jeder neue Chef, die Lehrer, der Polizist bei der Verkehrskontrolle, oft auch der Lebenspartner werden unbewusst ausgewählt, in der verborgenen Hoffnung, diesmal wird’s klappen. Diesmal wird mir ein guter Verlauf, ein versöhnlicher Abschluss gelingen. Im Fall des Autoritätskonflikts heißt der Wunsch oft: Dieses Mal werden wir uns auf Augenhöhe begegnen. Nach mehrmaliger Wiederholung kann dieses Vorgehen tatsächlich zum Erfolg führen, aber der Preis ist in der Regel hoch. Dein Chef weiß nicht, dass du nicht ihn, sondern deinen Vater meinst. Dein Lebenspartner fühlt sich immer wieder unangemessen behandelt und hat irgendwann keine Lust mehr auf die ewigen Missverständnisse. Der Polizist verhängt eine Ordnungsstrafe wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Es muss einen anderen Weg geben, die Altlasten aus unerledigten Geschäften aufzuräumen, ohne dass wir uns ewig im Hamsterrad der Wiederholung drehen müssen.

Fritz Perls hat ihn gefunden. Der Weg des Ganzwerdens heißt Gestalttherapie. Perls lernte die Gestaltpsychologie kennen, als er Ende der 20er Jahre bei dem Neurologen und Gestaltpsychologen Prof. Goldstein in Frankfurt assistierte. Zu dieser Zeit arbeitete Fritz Perls noch als Psychoanalytiker. Als er später, zusammen mit seiner Frau Lore, eine eigene Therapieform entwickelte, nannte er sie Gestalttherapie. Er benutzte - neben anderen gedanklichen Ansätzen - die gestaltpsychologische Betrachtungsweise um zu erklären, was in seinen Sitzungen passierte. In „Grundlagen der Gestalttherapie“ schreibt er auf S. 82: „Wenn die Therapie Erfolg hat, dann hat der Patient sich unausweichlich um die losen Enden seiner vergangenen ungelösten Probleme gekümmert, denn diese losen Enden müssen in der Gegenwart zu Schwierigkeiten führen, und daher müssen sie im Lauf der therapeutischen Sitzungen auftauchen….. diese losen Enden der Vergangenheit sind ebenso laufende Probleme, die die Teilnahme des Patienten an der Gegenwart hemmen.“ Mit anderen Worten: Kein Wunder, dass wir unsere Energie nicht für das Hier und Jetzt zur Verfügung haben, sie ist in tausend alten, unfertigen Geschichten gebunden.
Hier ein Beispiel aus der Praxis: Rainers Oma starb, als er acht Jahre alt war. Die Tote lag noch einen ganzen Tag in ihrem Zimmer, ehe sie vom Beerdigungsinstitut abgeholt wurde. Irgendwie hätte er sich gerne von der Oma verabschiedet, so wie all die andern Familienmitglieder, die den ganzen Tag über kamen, in dem Zimmer, in dem Kerzen brannten, verschwanden, dort eine Weile blieben und dann wieder gingen. Zu Rainer sagten sie: “Das ist nichts für Kinder, geh da nicht rein.“ In einer Therapiesitzung, Rainer war damals 35, wurde deutlich, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der ihm die Oma sehr wichtig gewesen war. Begonnen hatte unser Gespräch in der Gegenwart, wie immer in der Gestalttherapie: „Was ist jetzt?“ Und Rainer hatte davon gesprochen, dass er seine Freundin liebe, die Beziehung aber nicht richtig in Gang komme, als ob etwas zwischen ihnen stünde. „Leg dich hier vor Rainers Stuhl auf den Boden, du bist das was zwischen ihm und seiner Freundin liegt.“ Rainer lag eine ganze Weile schweigend am Boden, ein paar Mal schüttelte er den Kopf.
 „Du schüttelst den Kopf?“
 „Komisch einfach. Ich muss an meine Großmutter denken und das kann ja wohl nicht sein. Sie hatte mich sehr lieb, sie würde sich nie meinem Glück in den Weg stellen.“
 „Lebt die Großmutter noch?“
 „Nein, sie ist schon lange tot.“ Seine Augen wurden feucht, die Stimme zitterte.
 „Wie alt fühlst du dich, jetzt, in diesem Augenblick?“
 „Acht“, sagte er mit dünner Stimme.
 „O.K., komm zurück auf deinen Stuhl. Sei acht. Was ist los in deinem Leben?“
 „Wir leben mit der Oma im gleichen Haus. Es ist eine unheimliche Stimmung heute. Sie haben mir zu erklären versucht, Oma sei nicht aufgewacht heute Morgen und sie werde auch nicht mehr aufwachen, nie mehr. Nie mehr. Ich kann es mir nicht vorstellen und ich bin verwirrt und versteh nicht was sie sagen. Zugleich weiß ich, dass etwas Großes passiert ist. Ich habe das Gefühl, ich bin im Weg. Meine Mutter sieht schlimm aus, sie hat ganz verheulte Augen. Ich bin mit ihr nach oben gegangen in die kleine Wohnung meiner Oma. Jetzt sitze ich in der Küche und draußen kommen und gehen die Leute: Meine Onkel und Tanten, auch eine Großtante von mir, sie bringt einen Strauß Tulpen. Heute würde ich sagen, sie sind gekommen um von ihr Abschied zu nehmen.“
 „Und du?“
 „Ich darf nicht rein zur Oma, sie sagen, das ist nichts für Kinder.“
 „Was sagst du?“
 „Lasst mich da rein zur Oma. Ich bin nicht zu klein. Es ist meine Oma“.
 „ O.K., also kannst du da heute hineingehen?“
 „Ja. Ja, ich geh jetzt rein.“ Längere Pause, dann stand Rainer auf und ging hinüber zu meiner Behandlungsliege „Ich möchte mich von ihr verabschieden, so wie es die andern Familienmitglieder auch getan haben.“ Er schaute zu mir hin.
 „Du musst es ihr sagen, nicht mir.“
 „Aber wie kann ich mit ihr sprechen? Sie ist doch tot?“ Er schaute wieder zu mir hin.
 „Versuch`s einfach. Ich glaub`, sie kann dich hören. Sag ihr, was du ihr zu sagen hast.“

An dieser Stelle begann ein Dialog zwischen Rainer und seiner Großmutter, sehr tränenreich. Er sagte ihr, dass er nicht möchte, dass sie weggeht und dass er morgen auch zu ihr kommen möchte, damit sie ihm Geschichten vorliest. Als deutlich wurde, dass er gesagt hatte, was noch zu sagen war, lud ich ihn ein, in die Rolle der Großmutter zu gehen. Er legte sich auf die Liege, und in der Rolle der Großmutter ließ er sie dem kleinen Jungen sagen:

„ Ich habe dich sehr lieb und ich möchte nicht, dass du traurig bist. Ich bin alt und mein Leben ist zu Ende. Leider muss ich dich zurücklassen, aber solche Dinge entscheiden nicht wir Menschen. Ich werde jetzt dahin gehen, wo der Opa ist und eigentlich verlasse ich dich ja gar nicht. Auf eine andere Art werde ich mit dir in Kontakt bleiben.“ Lange Pausen, tiefe Gefühle. Ich bemerkte, dass etwas Besonderes im Raum war.
„Was fühlst du jetzt?“
„Liebe. Da ist ganz viel Liebe.“ Pause.
„Du wolltest dich von ihr verabschieden. Bist du bereit, es jetzt zu tun?“
Der Dialog ging noch einige Male hin und her, dann entspannte sich Rainers Körper sichtlich, sein Gesicht wurde weicher und er konnte sagen: „Tschüss Oma, mach´s gut. Ich hab dich lieb.“ Pause Nach einer Weile sagte ich leise: „Wie fühlst du dich jetzt?“
„Leichter. Als sei etwas zur Seite getreten… Und ich fühle mich lebendiger. Danke.“ Das sagte er mit fester Stimme.

Der Gestalttherapeut geht nicht in die Vergangenheit wie Freud das tat, die Vergangenheit kommt zu uns. Genauer noch: Die Vergangenheit hat uns nie verlassen. Als die Großmutter starb, blieb für Rainer die Zeit stehen. Die abgerissene Beziehung ist wie eine Wunde, die nicht heilen konnte, wie ein Schrei, der im Hals stecken blieb, wie eine Hin-Bewegung, die auf halbem Wege ausgebremst wurde, wie eine Welle, die von eisigen Winden getroffen wurde und in der Luft zur Eisskulptur erstarrte. Weil die Bewegung aufgehalten wurde, verhält es sich wie eine gespannte Feder. Sie sucht Erlösung, sie will die aufgestaute Energie loswerden. Sie schläft, wie Dornröschen, und wartet auf den erlösenden Prinzen. Sie ist also nicht untätig, sie rutscht nicht tief ins Unterbewusste, wie Freud sich das vorstellte. Vielmehr liegt sie auf der Lauer, sie möchte sich ja zeigen, sich in jede neue Lebenssituation hineindrängen. Zum Sprung bereit, liegt sie direkt unter der Haut.

Die therapeutische Herangehensweise eines Psychoanalytikers ist der eines Archäologen vergleichbar. Schicht um Schicht werden die seelischen Ablagerungen abgehoben und inspiziert und nach vielen, vielen Sitzungen wird der Klient auf Erlebnisse aus der frühen Kindheit stoßen. Dort sind nach Ansicht von Sigmund Freud die Antworten auf die Probleme zu finden, mit denen der Klient heute zu kämpfen hat. Da weder der Analytiker noch der Analysand wissen, wonach sie suchen, bleibt ihnen nur, systematisch, schrittweise vorzugehen. Fritz Perls hat dagegen die Beobachtung gemacht, dass wir gar nicht tief graben müssen, sondern, dass drängende Belange immer dicht unter der Oberfläche liegen. In unserem Beispiel stellt das Unbehagen an der Beziehung zur Freundin die Oberfläche dar und direkt darunter liegt die abgerissene Beziehung zur Großmutter. Das unfertige Geschäft, hier die nicht beendete Beziehung, kommt von selbst an die Oberfläche, weil es erledigt werden will.

 Empörung 

Wie kann der Klient erkennen was da zur Erledigung bereit liegt? Die Antwort ist so einfach, dass sie genial sein muss. Fritz Perls fragte nur: Was nimmst du jetzt wahr? Und was immer der Klient dann wahrnahm, wurde von Fritz Perls ernst genommen. Ein Kribbeln unter der Haut, ein seeliges Lächeln, das sich plötzlich auf dem Gesicht ausbreitet, eine zugeschnürte Kehle oder ein inneres Bild: Ich sehe mich im Haus meiner Großmutter. Über die simple Einladung, nach innen zu gehen, zu spüren, was da ist, gelangt der Klient zu den drängenden Inhalten. Oft sind das unerledigte Geschäfte – es gibt natürlich eine ganze Reihe anderer Botschaften aus dem Inneren. Die Zeichen müssen also wahrgenommen werden. Sie führen zu Inhalten, und dann müssen die Inhalte lebendig werden. Sie müssen erlebt werden. Wenn sie nicht erlebbar sind, erfahrbar im Hier und Jetzt, dann handelt es sich nur um eine Idee, eine Phantasie, ohne existentielle Bedeutung. Ist die halbfertige Geschichte erst ins Blickfeld gekommen, zeigt sich im weiteren Verlauf was es noch braucht, um den Kreis zu schließen und damit die blockierte Energie freizubekommen.

Ob das Abschließen gelingt, hängt von vielen Faktoren ab. Das Wichtigste ist die „Ladung“. Wenn wir vor dem Klienten sitzen und erleben, wie er auf einen wichtigen ungelösten Inhalt stößt, fühlen wir ziemlich schnell den Grad der Ladung. Fritz Perls sprach von „Erregung“. Wo sich die Erregung zeigt, lohnt es sich therapeutisch zu arbeiten. Ohne Erregung wird nicht viel passieren. (In der clientcentered therapy bei Carl Rogers ist das anders.)

Eine Form einer tiefsitzenden Erregung ist die Empörung. Wo sie auftritt, führt sie uns immer zu einer Sache, die nach Abschluss schreit. „Das gibt’s doch nicht! Das darf nicht wahr sein! Ich will aber, dass es anders ist!“

Empörung ist einer der prominentesten Energiefresser und wir halten oft Jahrzehnte an ihr fest. Alleine gelingt es uns nicht sie loszulassen. Es kann nicht gelingen, weil wir fest davon überzeugt sind, dass wir alles Recht der Welt haben, empört zu sein. Mag schon sein, dass es sich um eine himmelschreiende Ungerechtigkeit handelt – nur, sie ist nun mal geschehen, und sie ist längst vorbei. Wir aber halten immer noch an der Empörung fest und blockieren damit unser Wachstum.

Früher sagte man: „Er hadert mit“. Wir hadern mit einer verflossenen Liebe, die uns auf der Straße nicht einmal mehr grüßen will, wir hadern mit dem Fernsehprogramm, mit den Milchpreisen, mit dem Rauchverbot, mit dem Schicksal, mit Gott und der Welt – und währenddessen geht das Leben an uns vorbei. Empören, Schmollen, Hadern, den Groll nicht loslassen - dahinter steckt immer der Gedanke, dass das Leben anders sein soll, als es ist. Einen Großteil unserer Energie vergeuden wir damit, zu hadern und zu trotzen. Wir halten fest an der Idee, dass wir nicht geliebt wurden. Wir verhärten uns immer mehr und wonach wir uns am meisten sehnen, die Liebe, rückt immer weiter von uns ab. Die Empörung verschließt das Herz. Wir hadern, innerlich und natürlich auch äußerlich. Wir greifen jede Situation dankbar auf und glauben, diesmal wird es uns gelingen für Gerechtigkeit zu sorgen. Dann ziehen wir den blauen Umhang an, ein orangenes „S“ prangt auf unserer Brust und dann machen wir unserer Empörung ein für alle Mal Luft, erretten die Welt von allem Übel und wenn wir Pech haben zerschlagen wir ziemlich viel Porzellan.

Empörung. Hier ein Beispiel aus der gestalttherapeutischen Praxis: Isabel hatte um einen Sitzungstermin gebeten, weil sie einen „nervösen Darm“ hatte. In den vergangenen vier Monaten war sie zweimal in die Notaufnahme gebracht worden. Einmal war sie mitten in der Nacht an so heftigen Bauchschmerzen erwacht, dass sie sicher war, etwas Lebensbedrohliches spielt sich in ihrem Bauch ab. Das zweite Mal, etwa zwei Wochen vor unserem Termin, waren diese stechenden Schmerzen am helllichten Tag während der Arbeit aufgetreten. Die Kolleginnen hatten den Notarzt gerufen. Jedes Mal wurde sie 24 Stunden später wieder entlassen. Bei beiden Krankenhausaufenthalten waren alle physiologischen Untersuchungen ohne Befund geblieben. Der Internist, mit dem sie das Abschlussgespräch hatte, schlug ihr vor, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.

Bei unserem ersten Termin erfuhr ich ihre Krankengeschichte und einiges über ihre Lebensumstände. Die Mutter war gestorben als sie 16 war. Mit 19 ging sie von zu Hause weg. Jetzt arbeitete sie in einer Kindertagesstätte und sie versicherte mir, dass sie die Arbeit mit den Kindern sehr liebt. Ihr Privatleben sei unauffällig. Es gäbe seit über einem Jahr eine feste Beziehung zu einem Mann, zusammenziehen wolle sie mit ihm aber nicht.

Ich hörte ihr lange zu. Das, glaube ich, mache ich anders als Fritz Perls. Aus den Filmaufzeichnungen seiner Arbeit gewinne ich immer den Eindruck, er möchte keine Zeit verlieren mit den Geschichten. „Don`t tell me stories“, und fragt dann direkt: „Was nimmst du jetzt wahr?“. Das kriege ich nicht hin. Bei mir dauert es immer eine Weile, bis ich eingestimmt bin. Irgendwann will auch ich wissen: „Kannst du es fühlen? Ich meine, kannst du jetzt etwas fühlen, wenn du die Aufmerksamkeit auf den Bauch richtest?“ Ja, sie konnte etwas spüren. Es war zwar nicht mit den Schmerzen vergleichbar, die sie erlebt hatte. Dennoch, wenn sie jetzt auf ihren Bauch achtete, gab es etwas wie ein entferntes Gewitter.
„Sprich zu deinem Bauch“, schlug ich vor.
 „Ich soll zu meinem Bauch sprechen?“
 „Mhm. Der Bauch hat so etwas wie eine eigene Persönlichkeit und deshalb kann man durchaus mit ihm reden.“
 „Was soll ich ihm denn sagen?“
 „Sag ihm, wie es dir mit ihm geht.“ Sie schaute auf ihren Bauch und fing an:
„Hör mal. Ich finde das gar nicht lustig, was du mit mir machst. Du machst mich ja zum Gespött der Leute. Ich renn ins Krankenhaus, weil ich meine, dich wird’s gleich zerreißen und dann war alles bloß heiße Luft.“ Isabel pausierte und schaute zu mir herüber: „Und jetzt?“
„Sag dem Bauch, was du willst.“
“Ahem. Ich möchte, dass du mich nicht so attackierst. Tu deine Arbeit und lass mich in Ruhe meine Arbeit tun.“
„ Jetzt wechsle die Rollen. Sei der Bauch und sprich zu Isabel.“
„Hallo Isabel. Ich soll dich in Ruhe lassen? Das geht nicht. Ich kann dich nicht in Ruhe lassen, sonst begreifst du es nie.“
„Ich begreif es nie? Was muss ich begreifen?“
„Du machst dich doch fertig auf der Arbeit. Du frisst alles in dich hinein und dann landet es bei mir, und dann schrei ich laut auf.“
„Aber ich liebe doch meine Arbeit…ich verstehe nicht,“ sagte sie und der Bauch antwortete: “Und was ist mit Frau Bausch?“ An dieser Stelle verhärtete sich Isabels Gesicht. Ihr ganzer Körper ging in Anspannung. Sie schaute mich Hilfe suchend an.
 „Ja, was ist mit Frau Bausch?“ fragte ich auch.
 „Frau Bausch ist meine Chefin. Sie treibt mich noch in den Wahnsinn. Sie ist launisch, unberechenbar. Sie ist so ungerecht in ihren Urteilen – auch zu den Kindern. Sie macht mir das Leben zur Hölle!“ Die letzten Sätze kamen mit einer ordentlichen Ladung. Und: Da war sie, die Empörung.

Das war kurz vor Ende unserer ersten Sitzung. Von einer geschlossenen Gestalt konnte noch keine Rede sein. Wir fassten abschließend zusammen: Es gibt massive Vorwürfe gegen Frau Bausch und Isabel ist überzeugt, dass sie vollkommen im Recht ist, empört zu sein. In den Anfangszeiten meiner Praxis war ich immer wieder verwundert, wenn meine Klienten mir nach einer derart unfertigen Sitzung die Rückmeldung gaben, sie fühlten sich schon viel besser. Im Lauf der Zeit verstand ich, dass es enorm erleichtert, der inneren Störung einen Namen zu geben. Isabels innerer Tumult hatte einen Namen, er hieß: EMPÖRUNG.

Einige Sitzungen später ging es wieder um Frau Bausch. In kürzester Zeit war die Erregung wieder präsent. Isabel beschwerte sich heftig über ihre Chefin und deren unprofessionellen Arbeitsstil. „Sie besitzt einfach keine Führungsqualitäten: Sie redet schlecht über uns hinter unserem Rücken. Sie müsste längst mehr Stellen für die Tagesstätte beantragen, mit so wenig Leuten ist die ganze Arbeit nicht zu schaffen. Sie presst uns aus wie die Zitronen. Besonders mir gibt sie immer das Gefühl, dass ich ihr nichts recht machen kann. Will man ihr was sagen, hört sie nicht zu. Es scheint so aussichtslos.“
Als Isabel eine längere Pause machte, schlug ich ihr vor, das alles Frau Bausch direkt zu sagen. Also wurde Frau Bausch dem leeren Stuhl zugewiesen und Isabel begann langsam, stockend nach Worten zu suchen. Mit dem Reden kamen die Vorwürfe einer nach dem andern zum Vorschein. Aber nicht etwa heftig, so wie sie zu mir gesprochen hatte, sondern eher verschüchtert, eher kläglich.
„Wie fühlt sich das an?“
 „Ich fühl mich irgendwie jämmerlich, so kraftlos. Ich fühl mich ganz klein.“
 „O.K., schließ die Augen für einen Moment. Wer sitzt wirklich vor dir?“ Nach einigem Zögern: „Mutti...“
„Sprich mit ihr".
"Ich kann nicht mit ihr sprechen. Man konnte nie mit ihr sprechen. Sie ist so übermächtig.“
„Sag ihr das.“
„Ich kann nicht zu dir sprechen. Ich fühl mich klein und unbedeutend und hässlich. Ich kann nix, ich bin nix. Ich kann`s dir nie recht machen.“
„Was willst du?“
„Ich will nur weg von hier.“
„O.K., tausch die Plätze. Geh in die Rolle deiner Mutter.“ Isabel tauscht die Plätze nicht: „Sie ist nicht meine Mutter.“
„Aha…“
„Sie ist die zweite Frau meines Vaters und sie hat sich zwischen ihn und mich gedrängt. Seitdem hab ich gar nichts mehr: die Mama nicht und den Papa auch nicht.“
„Sag es ihr.“
„Du bist so ungerecht. Du redest hinter meinem Rücken schlecht über mich. Ich weiß, dass du dich bei ihm über mich beschwerst. Du versuchst immer einen Keil zwischen den Papa und mich zu treiben. Du willst ihn nur alleine für dich haben.“
„Was fühlst du jetzt?“
„Ärger und gleichzeitig, dass ich es unterdrücke. Ich will meine Wut nicht zeigen, das wäre eine Schwäche und wenn ich mich schwach zeige, habe ich vollends verloren.“ Längere Pause. „ Am liebsten wäre mir, du würdest dich in Luft auflösen.“
„Jetzt nimm ihren Platz ein, sprich zu Isabel.“
„Ich weiß nicht, was mit dir los ist. Seit du 16 bist, machst du mir und dir das Leben schwer. Du schaust mich nicht an, du sprichst nicht mit mir. Du schmollst, du bockst. Glaubst du, das macht mir Spaß? Ich hab irgendwann aufgegeben. Jetzt bist du 42 und benimmst dich immer noch wie ein Teenager. Komm endlich auf den Boden der Tatsachen.“
„Ach ja? Ich soll still sein, mich schicken, nicht aufbegehren, am besten gar nichts wollen. Ich will ihn aber! Er ist mein Vater!“ EMPÖRUNG, da war sie wieder. In der Rolle der Stiefmutter sagte sie: „Das klingt, als sagtest du: Er ist mein Mann. Aber da kann ich dir helfen.“ Sie zeigte ihren Ehering. „Er hat mich geheiratet und du bist nicht seine Frau, nicht seine Freundin, nicht seine Geliebte. Du bist einfach seine Tochter.“

In diesem Augenblick sah es aus, als müsse Isabel ersticken. Ein kleiner, dünner Schrei kam aus ihrer Kehle, sie glitt vom Stuhl herab auf die Knie. Ihre Hände krampften sich vor der Brust zusammen, als wolle sie verhindern, dass ihr das Herz zerspringt. Langsam kamen Tränen unter den zusammengepressten Augenlidern hervor. Es war ein Ringen mit sich selbst.
„Atmen," sagte ich, "vergiss das Atmen nicht.“ Sie zog tief Luft ein, und dann suchte sich das Schluchzen einen Weg aus der Brust. Eine ganze Weile lang wurde ihr Körper vom Weinen geschüttelt. Das ging mir auch ans Herz und zugleich war spürbar, dass sich etwas Tiefes löste. Noch unter Tränen, aber bereits lachend sagte sie, an den leeren Stuhl gewandt: „Du bist aber auch eine blöde Kuh… und du hast Recht. Ich wollte ihn für mich alleine haben.“

Ich erinnerte daran, dass unser Dialog mit Frau Bausch begonnen hatte und bat Isabel auch den Dialog mit ihrer Chefin, soweit es möglich war für heute, abzuschließen. „Ich weiß noch nicht, was ich ihr sagen werde, wenn ich ihr morgen wiederbegegne, aber es fühlt sich im Augenblick ganz anders an als sonst.“ Längere Pause. „Es kann gut sein, dass ich ihr kündigen werde, um anderswo neu anzufangen.“
 „Und wie geht es deinem Bauch jetzt?“
 „Unauffällig, wenn ich ihm keine besondere Aufmerksamkeit schenke, fällt er mir gar nicht auf...“

Nachsatz: Es geht hier nicht darum, die Empörung zu pathologisieren. Nicht jeder, der empört ist, muss gleich zum Therapeuten gehen. Empörung angesichts politisch untragbarer Verhältnisse ist unverzichtbar. Menschenrechtsverletzungen, Umweltsünden, Unterdrückung und Ausbeutung können nicht hingenommen werden. Am Anfang großer Veränderungen stand oft große Empörung. Sie ist der Dampf, der den Zug der Veränderung vorwärtstreibt.

Die Empörung, von der ich sprach, ist steckengeblieben. Sie hatte nie ein Betätigungsfeld. Ohnmächtig war sie immer wieder zur gleichen Stelle in der Vergangenheit zurückgekehrt und hatte sich dort festgebissen wie ein abgerichteter Hund. Es ist eine Empörung, die sich nach innen, gegen den Empörten selbst richtet. Sie ist es, die gesehen und befreit werden muss.

Frühere Leben

Es ist fast dreißig Jahre her, dass meine Klientin Wilma in einer Therapiesitzung von Bildern berichtete und durch Räume ging, die sie aus diesem Leben nicht kennen konnte. Ich arbeitete damals vorwiegend körpertherapeutisch mit Rebalancing, das ist eine Tiefengewebsmassage, die mir ehrlich und bodenständig vorkam. Es gefiel mir, dass es für den stets raffinierten Verstand keine Schlupflöcher gab. Der Körper lügt nicht, hatten wir gelernt und: jede Zelle des Körpers hat ihr eigenes Gedächtnis. Wenn das Gewebe entsprechend berührt wird, können aus jeder beliebigen Körperregion Erinnerungen aufsteigen. Rebalancing geht auf die große Körpertherapeutin Ida Rolf zurück. Sie ging so weit zu sagen: Wenn du das Bindegewebe eines Körpers mit kundiger Hand durchgearbeitet hast, sind alle Blockaden beseitigt und du brauchst keine Psychoanalyse mehr. Sie nannte ihre Methode: Restrukturierung des Körpers.

Wir, die Schüler der Schüler von Ida Rolf (sie starb 1979), entfernten uns in einem Punkt von unserem großen Vorbild: Unsere Hände gingen fachkundig und fest mit dem Bindegewebe unserer Klienten um, wie wir es gelernt hatten. Darüber hinaus luden wir jeden ein, anzusprechen, wenn Gefühle, Bilder oder Erinnerungen aufstiegen.

Wilma war Tänzerin. Sie hatte gehört, dass Rebalancing den Körper geschmeidiger, die Bewegung eleganter macht. Im Vorgespräch erwähnte sie, dass es einen seltsamen Schmerz unter dem linken Schulterblatt gab. Er plagte sie nicht pausenlos, nur wenn sie sich auf diese Region einstellte, fühlte es sich an wie ein Surren, etwa wie die Aktivität eines kleinen Elektromotors. Manchmal trat genau an dieser Stelle ein plötzlicher, stechender Schmerz auf, der sie wie ein Blitz durchfuhr. Bisher war das noch nie auf der Bühne passiert, aber sie lebte in der Angst, es könne irgendwann passieren.

Nach unserer dritten Sitzung war die befremdliche Empfindung verschwunden. Als sie nach der Behandlung aufstand, dehnte und streckte sie sich, testete, wie sich die Schulter anfühlt und stellte fest: „Es ist weg. Es fühlt sich so frei an.“ Zu Beginn der vierten Sitzung erzählte sie mir, 24 Stunden nach der letzten Sitzung sei es wieder zurückgekehrt und zwar gleich so, „als ob ein Pfeil mich durchbohrt.“

Nach dieser und jeder weiteren Sitzung war die störende Empfindung verschwunden, manchmal für Stunden, manchmal für Tage, aber frustrierender Weise nie anhaltend. In der neunten Sitzung arbeitete ich mit sehr geringem Druck an Wilmas linker Schulter - eher wie ein Uhrmacher als ein Rebalancer. Ich hatte meine Hand unter ihr Schulterblatt geschoben und stellte mir vor, meine Finger sinken an der Schmerzstelle ohne Anstrengung immer tiefer ins Gewebe ein. Wilmas Augen waren geschlossen. Unter ihren Augenlidern konnte ich auf einmal eine rasche, nervöse Bewegung der Augäpfel beobachten, gleichzeitig veränderte sich ihre Atmung, sie kam stoßweise. Hervorgestoßen kamen auch die Worte: „Ich muss weg hier, ich muss weg.“

Ich widerstand dem Impuls meine Hand zurückzuziehen, ließ sie vielmehr unter dem Schulterblatt liegen und sagte: „Was ist los?“
„Sie sind hinter mir her. Sie wollen mich töten...“ Ich ließ ihr ein bisschen Zeit, dann fragte ich: „Wie sieht es da aus, wo du gerade bist?“
Jetzt entstand das Bild: Sie sah sich vom Bauernhaus wegrennen, den Karrenweg hinauf. Sie hielt auf eine Hütte zu. Sie wusste, dass hinter der Hütte Brennholz gestapelt war und es gelang ihr, sich zwischen den Holzvorrat und die Hauswand zu drücken. Dort wartete sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hörte Schritte näher kommen. Männer riefen einander in einer fremden Sprache Worte zu. Die Tür der Hütte wurde aufgerissen. Wilma konnte hören, wie sie immer ärgerlicher wurden, weil sie nichts fanden. Sie durchsuchten den Heuboden, erfolglos. Dann strichen sie missmutig ums Haus und einer der Männer stach mit seiner Lanze blindlings durch den Holzstoß. Beim zweiten Mal traf er Wilma genau unter der Schulter und die Lanzenspitze drang in ihr Herz ein.

Ich selbst hatte bereits einige reinkarnationstherapeutische Sitzungen hinter mir, war also offen dafür, dass es so etwas wie frühere Leben gibt. So gelang es mir in der Sitzung mit Wilma umzuschalten. Zunächst hielt ich es für möglich, dass sie aus dem Sitzungsraum fortlaufen wollte. Dann dachte ich, sie erinnert eine gefährliche Situation aus ihrer Kindheit oder Jugend. Als aber die Details auftauchten, musste ich mich der Tatsache öffnen, dass wir in eine andere Zeit hineingestolpert waren. Bei jeder Art von Rückerinnerung fand ich es immer hilfreich zu fragen: „Schau an dir herunter, was trägst du für Schuhe? Was für Kleider, Rock oder Hose, Kleid oder Hemd?“ Wenn unsere Klientin das rote Kleidchen erinnert, das sie zum 6.Geburtstag bekommen hat, werden damit sofort viele andere Einzelheiten wach und die Szene wird plastisch, greifbar, fühlbar.

Wilma sah, dass sie barfuß war. Die Füße waren schmutzig von der Arbeit auf dem Feld und im Stall. Sie trug ein helles Kleid aus einem groben Stoff, einfachster Schnitt, einem Nachthemd ähnlich. Die Haare hatte sie in einem Zopf gebunden. Die Frau vor mir auf der Behandlungsliege hatte kurze Haare, aus denen sich kein Zopf hätte flechten lassen. Spätestens jetzt wusste ich: Wir sind hier nicht in einer Kindheitserinnerung, wir haben die Schwelle zu einer anderen Existenz überschritten. Wilmas Körper spiegelte die Ereignisse wider. Nicht dramatisch, dennoch nicht zu übersehen. Ich konnte den beschleunigten Herzschlag am Hals beobachten, die kurze Atmung, die hektischen Bewegungen der Augäpfel. Auch nachdem sie berichtet hatte, wie die Lanze sie durchbohrte, wurde der Körper nicht ruhiger. „Was passiert gerade?“
 „Ich hätte laufen müssen. Ich hätte entkommen können. Ich kenne mich hier doch viel besser aus als die fremden Männer.“
 „Du gibst dir selbst die Schuld?“
 „Ja, irgendwie schon. Ich hätte ihnen entwischen müssen oder wenigstens kämpfen und kämpfend sterben. Aber dieser Tod ist so völlig bescheuert.“
 Da ist sie wieder: Die EMPÖRUNG. Oder besser, Wilma hadert. Sie hadert mit sich und dem Schicksal. So wie es gelaufen ist, hätte es niemals laufen dürfen.

Mit dem Gestaltbegriff gesprochen wäre es natürlich perfekt, wenn sich am Ende das zurückliegende Leben zu einer großen Gestalt schließen und im Tod seinen krönenden Abschluss finden könnte. Wenn wir aber noch so vieles vom Leben wollen, noch so vieles vorhaben, ist es schwer, loszulassen. Aus dem Leben gerissen zu werden, plötzlich, gewaltsam, so wie Wilma hinter dem Holzstoß, das bedeutet immer im Augenblick des Todes: „Ich bin nicht bereit, ich bin noch nicht so weit. Das kann nicht sein, das darf nicht sein.“ Was unsterblich ist, müsste sich jetzt vom sterblichen Körper lösen, nennen wir es die Seele. Sie muss gehen, der Körper ist nicht mehr bewohnbar. Da sie offensichtlich nicht loslassen kann, nimmt sie das Unerledigte mit – über den Tod hinaus. Sie behält das Drängen nach Lösung bei und wenn sie wieder inkarniert, bringt sie das Unfertige und den Wunsch nach Lösung wieder mit in die neue Existenz. 

„Du möchtest es diesen Kriegsknechten heimzahlen, stimmt´s?“ sagte ich, weil ich sah, dass Wilma nicht mehr weiter kam.
"Ja, ich möchte mich wehren und nicht wie ein aufgespießtes Karnickel verrecken.“
„Dann musst du das tun.“
„Es geht nicht, ich kann mich nicht bewegen. Das Blut rinnt mir aus meinem Körper fort.“
„Ja, ich glaube, jetzt ist etwas anderes dran.“
„Was meinst du?“
„Ich meine, dass es jetzt Zeit ist, den Körper zu verlassen.“
„Ich komm nicht weg.“
„Was gibt es noch zu sehen, was du nicht gesehen hast?“

An dieser Stelle gehen die Klienten meist in das Leben zurück, das gerade zu Ende geht. Sie sehen sich selbst noch einmal und manchmal gestehen sie Fehler ein und bitten um Entschuldigung. Sie sagen Worte, die ungesagt geblieben waren. Oft erkennt man im Tod, dass man Nahestehende geliebt hat und es nie ausgesprochen hat. Am schwersten aber ist es, eine Bitterkeit loszulassen, eine Ungerechtigkeit als Ungerechtigkeit zu erkennen und so stehen zu lassen – jetzt im Tod kann ich es nicht mehr ändern. Immer und immer wieder geht es darum, anzuerkennen was ist. Erst dann gibt es Ruhe, dann hört der drängende Wunsch auf, etwas ändern zu wollen, das sich nicht mehr ändern lässt.

Als ich damals mit Wilma arbeitete, war mir nur klar, dass sie heute sehen und annehmen musste, was sie, gefangen in der Empörung, im Augenblick des Todes, nicht hatte sehen können. Ich dachte, es genügt die alten Geschichten umfassend zu sehen, damit sie sich auflösen können. Als ich in der folgenden Zeit immer wieder Klienten dabei begleitete, unfertige Szenen zu erinnern, lernte ich, dass sie das Geschehen nur dann sehen und annehmen konnten, wenn sie es mental hatten abschließen können. Es drängte sich mir auf anders zuzuhören und immer öfter stellte ich die Frage: Was muss noch erledigt, was muss noch gesagt, was muss noch verstanden werden, damit sich unser Klient von der alten Geschichte ab und der Gegenwart zuwenden kann?

Jetzt fing ich an, die gestalttherapeutische Vorgehensweise auch in Rückführungen zu nutzen und zum Beispiel den Dialog einzusetzen. Heute arbeite ich selbstverständlich mit den gestalttherapeutischen Möglichkeiten, wenn es um Inhalte aus vergangenen Leben geht, genauso wie ich bei Bildern vorgehe, die aus der Kindheit, aus Träumen, Wachträumen oder Phantasiereisen stammen .

Wichtig: Wenn wir Reisen in andere Zeiten begleiten, dürfen wir unsere Klienten nicht loslassen, bis sie wieder im Hier und Jetzt angekommen sind. Nachdem Wilma die ganze grausame Wahrheit gesehen hatte – das dauerte reichlich eine Stunde – konnte ich sehen, wie sich ihr Körper entspannte, wie sich die schmerzvolle Mimik löste und eine längere Stille eintrat. Sie berichtete mir, dass sie die Hütte mit dem Holzstoß unter sich sah und dass sie sich mehr und mehr aus der Szene entfernte. Sie sah noch, wie Flammen aus dem Dach der Hütte schlugen, aber das schien jetzt nicht mehr wichtig. Der Abstand zu dieser Szene wurde rasch größer. Dann war sie draußen.

Meist wird dieser Zustand als schwerelos beschrieben. Es gibt kein Zeitempfinden und doch kommt unfehlbar immer der Moment, in dem die Reisenden spüren: jetzt ist es Zeit wieder eine Form anzunehmen und auf der Erde mitzuspielen. Wie das geht, spare ich hier aus, das muss der Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, selbst erleben.

Die Erfahrung mit Wilma zeigte mir jedenfalls, dass Bilder aus anderen Jahrhunderten in Sitzungen auftauchen können, ganz ohne Tranceinduktion. Nicht, weil wir neugierig danach suchen, sondern weil sie dicht unter der Oberfläche liegen. Bis vor ca. zehn Jahren passierte so etwas selten, vielleicht ein, zweimal im Jahr. In letzter Zeit kommt es häufiger vor. Der Umgang mit einer erweiterten Wahrnehmung ist mir inzwischen geläufig. Vielleicht strahle ich einfach die Botschaft aus: Wenn da noch etwas Altes zu erledigen ist, ich bin bereit, hier kannst du an ganz unglaubliche Geschichten herangehen. Dieser Therapeut nimmt dich ernst. Er geht mit dir hin, wohin es auch sei. Deshalb bin ich auch jetzt soweit zu formulieren: Unsere Therapie hat den Namen „Transpersonale Gestalttherapie“ verdient.

Wir belächeln den Dialog mit Verstorbenen nicht und nicht den Dialog mit Gott. Für uns ist das Abschließen unfertiger Erlebnisse aus anderen Inkarnationen ebenso Tagesgeschäft wie das Schließen offener Gestalten aus der Kindheit. Was macht das für einen Unterschied, ob die Erinnerung dreißig oder dreihundert Jahre alt ist? Die Dimension Zeit scheint in der psychischen Realität so gut wie keine Rolle zu spielen.

Ich traf Wilma zwölf Jahre später auf einem Konzert in Düsseldorf wieder. „Wie geht’s dem Schmerz unterm Schulterblatt?“ Das musste ich sie natürlich im Laufe des Gesprächs fragen. Sie konnte sich zunächst an nichts erinnern. Als wir darüber sprachen kam die Erinnerung an unsere Sitzungen wieder. Sie hatte längst vergessen, dass da jemals Schmerzen waren. Sie hatte in den letzten Jahren große Erfolge auf der Bühne. Offenbar hatte sie ein Stück schmerzlicher Realität integrieren können und damit lange gebundene Lebensenergie freigesetzt.


 Rajan Roth, Januar 2016


Literatur: Fritz Perls: Grundlagen der Gestalttherapie, Stuttgart 2007. (Die amerikanische Erstausgabe erschien 1973 )
Mehr zu transpersonaler Therapie im Post „Aufbautraining“ in diesem Blog.





Freitag, 18. Dezember 2015

Aufbautraining

Seit ein paar Tagen ist es raus: 
Es wird 2017 ein Aufbautraining „ Living the Gestalt“ geben.
Teilnehmen kann jeder, der die zweijährige Living the Gestalt-Ausbildung abgeschlossen hat. Wer anderswo zum Gestalttherapeuten ausgebildet wurde, kann sich bewerben und wir laden sie oder ihn dann zu einem Interview ein. 2017 wird es da weitergehen, wo die zweijährige Ausbildung aufgehört hat. Wir führen das Konzept des Erfahrungslernens fort, zusätzlich wird es wieder Referate zum Hintergrundwissen geben. Auch die Struktur behalten wir bei: 5 Blöcke à vier Tage, immer von Donnerstag bis Sonntag, Ende Januar, Mai, Juli, September und November.

Inspiriert wurden wir an einem Wochenende Anfang November. Deva Prem und ich trafen   Absolventen des zweiten Trainings bei „Lernen am Berge“ in Lüneburg, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen, um zu erfahren wo jeder steht und um therapeutisch miteinander zu arbeiten. Von diesen Tagen blieb mir vor allem in Erinnerung, wie schnell wir alle an wesentliche Themen herankamen und wie sich bei jeder einzelnen Sitzung neue Inhalte, neue Facetten, neue Dimensionen der Psyche zeigten.

Mir scheint heute, dass sich die transpersonalen Zusammenhänge bei der therapeutischen Arbeit viel schneller zeigen und viel deutlicher sichtbar werden, wenn die Klienten bereits ihre Hausaufgaben gemacht haben. Unsere Klienten an diesem Wochenende waren selbst Therapeuten. Jeder hatte bereits zwei Jahre Therapie und Ausbildung und damit ein gutes Stück Selbsterkundung hinter sich. Wie von selbst ging es tiefer, eben in transpersonale Bereiche.

Ein paar Worte zum Begriff transpersonal. Er tauchte in den 80er Jahren auf. Jeanne Achterberg, Ärztin und Professorin an der University of Texas in Dallas schrieb 1985 ein Buch über „Die heilende Kraft der Imagination“ (deutsch 1987 beim Scherz Verlag). In der Einleitung schrieb sie: “Das Erzeugen von visuellen, symbolhaften inneren Bildern mittels unserer Vorstellungskraft – das ist ein Vorgang, der in der Medizin schon immer eine Schlüsselrolle gespielt hat….Das Vorstellungsbild ist eine der Hauptursachen für Krankheit und Gesundheit, es ist das älteste und wichtigste Hilfsmittel im Heilungsprozess.“ (S.7) Achterberg führt aus, dass es zwei Typen von Heilungsvorstellungen gibt: präverbale und transpersonale. Die transpersonale beruht auf der Annahme, dass Information vom Bewusstsein einer Person auf das physische Substrat einer anderen übertragbar ist. „Der transpersonale Vorstellungstypus setzt die Existenz von Informationskanälen voraus, die mit wissenschaftlichen Mitteln bisher nicht nachgewiesen werden konnten.“ (S.10) Seit zwanzigtausend Jahren nutzen Schamanen die heilende Kraft der Imagination. „Der Schamane ist der ursprüngliche Künstler, Tänzer, Musiker, Sänger, Dramaturg, Intellektuelle, Poet, Barde, Botschafter, Berater von Häuptlingen und Königen, Entertainer, Schauspieler und Clown, Heiler, Bühnenzauberer, Jongleur, Folksänger, Meteorologe, Kunsthandwerker, Kulturheld und Menschenverbesserer.“ (S.20,21) Dabei muss ich unwillkürlich an Fritz Perls denken. Er selbst sagte, dass Gestalttherapie viel mit Schamanismus zu tun hat.

Transpersonal, so sagte J.Achterberg in einem Interview 2012, ist der medizinische Terminus für spirituell. Beide Begriffe können synonym verwendet werden. Transpersonal gefällt Achterberg besser, weil es kein „Geschmäckle“ hat. (Auf einem Kongress „Spirituality and Psychology“ im Febr. 2012 in Atherton, CA, USA.)

In Lüneburg also, ging es rasch zu transpersonalen Inhalten: Sinn und Bestimmung des Lebens. Welche Form des Soziallebens suche ich? Alles läuft auf den Tod zu, er markiert das unabänderliche Ende, und wie gestalte ich mein Leben, bis er da sein wird? Darüber hinaus kamen Verstrickungen nach vorne, die aus vorigen Leben stammten. (Dazu mehr im nächsten Beitrag.) Wir sahen spirituelle Helfer in Sitzungen auftreten, wir sahen Teilnehmer, die mit Ahnen und Verstorbenen sprachen und mit jeder abgeschlossenen Arbeit wurde die Luft im Gruppenraum leichter und sauberer. Natürlich kam da der Wunsch auf: Davon wollen wir mehr.   

„Transpersonale Gestalttherapie“  wird der Titel des ersten Wochenendblocks sein. Die andern vier Blöcke werden enger oder weiter mit diesem Thema zu tun haben. Wir werden die Arbeit mit Träumen intensivieren, und es wird um das „Erledigen unvollendeter Handlungen aus vorigen Leben“ gehen. Der vierte große Bereich heißt: Die Begegnung mit dem Wunderbaren, Mystik in der Gestaltpraxis, hierher gehört auch das Meister-Schüler-Verhältnis. Zwischendrin wird es ein Encounter-Wochenende für Gestalttherapeuten geben.

Ich bin keineswegs der Meinung, dass wir die Gestalttherapie unerlaubt ausdehnen, wenn wir deutlich machen, dass sie eigentlich immer transpersonal war. Jeder kann nachlesen, dass Fritz Perls von Satori gesprochen hat, ein temporärer Zustand von Erleuchtung. Er verbrachte einige Monate in einem Zen-Kloster und er sah seine Aufgabe stets darin, die Teilnehmer seiner Gruppen auf dem Weg zu mehr Bewusstsein zu begleiten. Zugegeben, es gibt kein Beispiel dafür, dass in seinen Sitzungen Klienten mit vorherigen Leben in Berührung kamen, aber es ist doch nicht zu übersehen, dass sich in seiner Hand die Gestalttherapie von 1950 bis 1970 permanent veränderte. Die Menschen veränderten sich, die Themen wandelten sich und mit ihnen veränderte sich Fritz Perls und seine Therapie. Daher bin ich überzeugt: wenn sich in seinen Therapiesitzungen ergeben hätte, was sich bei uns immer wieder zeigt, dann hätte er die Erlebnisfelder des Transpersonalen genauso integriert, wie er den Engpass oder die Begegnung mit der Leere integriert hat.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Stanislav Grof: „Wir müssen uns von dem Vorurteil befreien, Bewusstsein sei etwas im menschlichen Gehirn Geschaffenes, das demgemäß in dem knöchernen Behältnis unserer Schädel stecke. Wir müssen die Vorstellung hinter uns lassen, Bewusstsein existiere nur als das Ergebnis unserer individuellen Leben…. Transpersonales Bewusstsein ist nicht begrenzt sondern endlos. Es erstreckt sich über die Grenzen von Raum und Zeit hinaus… Wenn wir diese Sicht von Bewusstsein akzeptieren, schliesst das unser Eingeständnis mit ein, dass unser Leben nicht nur von den unmittelbaren Einflüssen der Umwelt seit dem Tage unserer Geburt geformt ist, sondern mindestens ebenso sehr von denen unserer Ahnen, der Kultur, des Spirituellen und des Kosmos – und all das in einem Ausmaß, das bei weitem überschreitet, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können.“ (Stanislav Grof: Die Welt der Psyche. München 1993, S.123,124)

Rajan Roth, 15.12.2015